Warum gibt es schlechte Menschen?

Tagesetappe: Lodz - Warschau 

Tagesdistanz: 124,4 km 

 

Challenge Tag 6: 869 km von 1000 km 

 

Es geht weiter, die Beine sind von gestern noch ziemlich am Ende, aber ich will heute noch nach Warschau. Dort werde ich mir einen Tag frei nehmen, die Stadt anschauen und die verbliebenen Sachen (einen Ersatzausweis beantragen, und hier den Blog weiterschreiben) erledigen. 

In Richtung Warschau merkt man direkt, dass es sich um eine  Großstadt / Weltstadt handelt. Die Straßen werden immer breiter und die Lkw’s rasen nur so an mir vorbei. Für jeden Fahrradfahrer die Hölle. Von Fahrradwegen keine Anzeichen fahre ich weiter auf einer fünfspurigen Schnellstraße in Richtung Zentrum. Am Horrizont reihen sich langsam die ersten, pompösen Hochhäuser aneinander. Ein gigantischer Anblick. Nur leider werden nach einer kleinen Unterführung zwei Schnellstraßen zusammengeführt und ich befinde mich auf einmal in der Mitte einer Straße mit sechs Spuren. Neben mir rasen die Autos dahin, als wäre ich nicht existent. Ein unschönes, beängstigendes Erlebnis. 

Das Hostel (New World St. Hostel) ist dann aber doch schnell erreicht. Ich klingle an der Tür, werde hereingelassen, und schleppe das Fahrrad plus Anhänger in den winzigen Eingangsbereich des Treppenhauses. Ein netter "Hostelmitarbeiter (den ich vor der Tür getroffen habe und der sich so bei mir vorgestellt hat)" hilft mir dabei. Die Tür fällt laut ins Schloss, ich denke es ist sicher. Schlauerweise schließe ich mein Fahrrad jedoch dennoch ab. 

Die Rezeption befindet sich im fünften Stock, also gehe ich vorerst alleine hoch und lasse mein Hab und Gut unten, in Sicherheit glaubend. 

Als ich zurück komme sind jedoch meine Kamera, mein Handy und meine GoPro weg, gestohlen, vermutlich von dem zuvor netten, sich als Hotelmitarbeiter ausgegebenen Pole. Was ein Scheiß, damit ist Warschau für mich gestorben. Trotzdem behalte ich einen kühlen Kopf und versuche mit aller Mühe die Situation noch irgendwie zu retten. Über die Ortungsfunktion kann ich den Dieb noch eine Weile verfolgen. Doch bis die Polizei eintrifft, ist mein Handy offline. Mit Zivilpolizisten fahre ich schließlich noch an die Stelle um zu prüfen ob er sich noch in dessen Nähe aufhält. Aber leider keine Chance. Über die ganze Zeit werde ich von Harry begleitet, er gibt mir einen Hotspot, damit ich den Standpunkt aktualisieren kann. Ihn habe ich in den Minuten der Not kennen gelernt. Viel mehr bin ich in seine Worte an der Rezeption geplatzt und ihn dann dreisterweise gefragt, ob er mir diesen Dienst erweisen könnte. Er erwiderte freundlich und so saßen wir schließlich eine viertel Stunde später im Polizeiauto. Ohne diese Situation hätten wir wahrscheinlich nie ein Wort gewechselt. Doch durch die prekäre Situation wurden wir Freunde, aßen zusammen zu Abend und führten interessante Gespräche. Irgendwie ist es komisch, welche Abhängigkeit manche Dinge von einander haben. 

Wie man sich denken kann, war meine Stimmung durchaus am Boden. Zu großen ideellen Wert hatten die Kamera etc. für mich. Wirklich schade finde ich es jetzt, dass ich mein Menschenbild überdenken muss. Ich bin einfach zu gutgläubig! Viel lieber hätte ich an meiner alten schönen Denkweise festgehalten. 

Auf jeden Fall war dies einer der größten, aufregendsten und leider auch teuersten Lehren, die ich je bewältigen musste.