Kampf gegen Mutter Natur

Tagesetappe: Raudanjoki - Sodankylä

Tagesdistanz: 61,6 km

 

Voller Tatendrang stehe ich heute schon um 6 Uhr auf, um mal wieder richtig Strecke machen zu können. Mit neuer Kette, nach rund
3600 km, rollt das Gespann, bei leichtem Niesel, los. Dieser Wetterzustand verschlimmert sich jedoch bereits nach den ersten Metern. Die Wolken schütten sich vollends aus. Kleine Bäche rollen mir entgegen. Tropfen um Tropfen dringt das kalte Nass durch meine äußere Schale. Immer tiefer zieht es in die Kleidung ein. In meinen Schuhen bildet sich währenddessen ein kleiner See, der meine Füße einweichen lässt. Ein frostiger Gegenwind peitscht mir in das verbitterte Gesicht und lässt meine Fingerknöchel zitternd erblassen. Ein kalter Schmerz macht sich in ihnen breit. 

In meinem Kopf spiele ich mit der Herausforderung. Ich sehe es als Willenskraftübung. Immer weiter und weiter die Beine im selben Trott zu drehen und den Schmerz und die Kälte zu ignorieren. 

Zu diesem Zeitpunkt bin ich 40 km von der nächsten Ortschaft mit Supermarkt entfernt. Gestern Abend sind mir die letzten Speisen ausgegangen. Mit leerem Magen habe ich mich auf den Weg gemacht. Zwischen den anderen wehleidigen Empfindungen, macht sich nun auch noch der Hunger breit. Meine Muskeln saugen die letzten Energiereserven aus dem Körper und können ihre wahre Kraft nicht mehr aufbringen. 

Ein Kampf. Jeder Meter ist ein Sieg. 

Drehung für Drehung schiebe ich mich weiter in Richtung Ziel. Von der Landschaft gibt es heute keine Bilder, da ich nichts gesehen habe. Mein Blick beschränkte sich alleine auf die 30 cm vor meinem Rad. Weiter geht nicht, sonst würden mir die eiskalten Tropfen ins Gesicht peitschen. Ein trostloser Ausblick und nicht ganz ungefährlich. Jedes Hindernis hätte ich angefahren. 

Das einzige was zählt, in Bewegung bleiben. Nicht stehen bleiben. Treten, treten, treten. 

Nach 58 km rolle ich mit letzter Energie fast in den Supermarkt rein, reiße mir die nassen Klamotten vom Leib, ersetze sie durch neue und genieße kurze Zeit später mein erstes Frühstück. 

Im Supermarkt bleibe ich ca. eine Stunde, draußen ist es kalt (7 Grad). Nach mehreren Versuchen schleppe ich mich zur nächste Touristeninfo, lasse mir den nächsten Campingplatz vermitteln und beendige damit den heutigen Tag. 

Eine spannende Erfahrung. Ein Kampf, ich habe mich selbst besiegt, Meter für Meter. Heute kam ich körperlich das erste mal richtig an die Grenzen. Hitze ist schlimm, aber durchnässt mit kaltem Wind ist eine ganz andere Hausnummer. Am Supermarkt war dann Schluss. Dort wurde eine Grenze überschritten, die gefährlich hätten werden können. 

 

Jetzt trocknen meine Sachen im Wärmeschrank, damit es morgen wieder mit gleichem Tatendrang weiter gehen kann.