Am Limit

 

Tagesetappe: Kopenhagen - Rodby

Tagesdistanz: 154 km

 

Solche Tage machen einen einfach nur fertig. 

Wenn man morgens in einem warmen Bett aufwacht, die Decke vom Körper streift, verschlafen aus dem Fenster schaut und eine graue Regenfront einen auf einen Schlag wieder zurück ins Bett boxt. Dennoch kurze Zeit später: Ein letztes Mal frühstückt man im Warmen und genießt den letzten Klogang. Wieso tut man sich das Ganze überhaupt an? Warum macht man sich freiwillig auf in den Regen, mit dem Wissen, dass man innerhalb von zwanzig Minuten durchnässt und nach der ersten Pause unterkühlt ist?

Dennoch, es führt kein Weg daran vorbei. Aufs Rad geschwungen, Regenausstattung angezogen und los in die Nässe. 

Von rechts nach links schubst einen der Wind mit Leichtigkeit über die Straße. Keine Chance, schutzlos aufgeschmissen. Derweil sticht jeder einzelne Regentropfen wie eine kleine Nadel auf Arme und Gesicht ein. Dicke Tropfen rollen von meinem Kinn. Die Nässe beißt sich durch meine Schuhe, bis auch der letzte trockene Stoff-Fleck durchdränkt ist. Bereits bei einem Kurzaufenthalt wie z.B. an einer Ampel fängt der Körper an auszukühlen. Das Einzige was hilft: rastlos fahren. 

 

So rolle ich die ersten 90 km an einem Stück. Total am Limit, der Hunger plagt und die Muskeln schmerzen. 

Das Wetter bessert sich zwar mit der Zeit, dafür verschlechtert sich leider unablässig die "Gesundheit" meines Tretlagers mit jedem Kilometer. Alle paar Meter zuckt ein Knacken durch den ganzen Rahmen, gefolgt von einem schmerzerfüllten Quietschen, als würde man einen Stein auf einer Glasplatte entlangziehen. Kein Hilfeversuch glückt, ich hatte keine andere Wahl, bis zur Fähre das Fahrrad und mich zu quälen. Wahrscheinlich wurde im Laufe der Reise das Fett im Tretlager ausgespült. Folglich konnte Dreck in die Lager eindringen und die Kugeln blockieren. Das laute Knacken ist womöglich das endgültige Zermahlen einzelner Kugeln. Oh Schreck!!!

Kurzum, so kann ich absolut nicht bis nach Hause fahren. 

 

Gegen Abend stoße ich wieder mit Alex zusammen, von dem ich mich kurz nach Kopenhagen getrennt habe. 

Beide völlig ausgelaugt vom Gegenwind, nicht mehr bereit, auch nur einen weiteren Meter zu fahren, stellen wir unser Zelt schließlich einfach direkt auf die Wiese vor einer Kirche in der Mitte des Dorfes Rodbyhaven. 

 

Gute Nacht.