Resümee - Das Ende einer ergreifenden Zeit, der Anfang für alles Neue

 

Da bin ich also, 7500 Kilometer weiter, aber doch an der selben Stelle. Wiesbaden, die Stadt, die ihren Glanz für mich verloren hatte. Jetzt blüht sie wieder. Die herbstliche Blätterpracht haucht dem Blickfeld neues Leben ein und Vögel zwitschern auf denselben Bäumen wie immer. Alles ist beim Alten, aber doch ist alles anders. Damals, vor drei Monaten, habe ich mich als Kind auf den Weg gemacht, um meinen größten Traum zu verwirklichen. Erfüllt von der Hoffnung, als Erwachsener wiederzukehren und die Welt ein wenig besser zu verstehen.

Was ist daraus geworden? Wer bin ich jetzt? Bin ich erwachsen? Wann ist man überhaupt erwachsen?

 

So viel kann ich verraten:

Diese Zeilen schreibe ich, die letzten Sonnenstrahlen genießend, auf meiner selbstgebauten, schwer vermissten Lounge. Ein Kind schreibt diese Zeilen, ein Kind mit gesetzten Zügen.

Im Laufe der Reise habe ich mich entschieden, innerlich Kind zu bleiben. Eine Entscheidung für Neugierde, Spaß an kleinen unbedeutenden Dingen und vor allem an Hemmungslosigkeit.

Kinder haben für mich die Weisheit des Lebens schon gefunden. Sie springen in eine Pfütze, weil sie Lust darauf haben. Wie blöd würden wir (mal ehrlich) dreinschauen, wenn ein Anzugträger mit voller Wucht einen großen Satz in das nächstgelegene Rinnsal machen würde.

Durch die Erziehung und das soziale Umfeld geht diese junge Weisheit des Lebens der Kinder nach und nach verloren. Der Alltag holt sie ein und schwups haben auch sie ihren Platz im Hamsterrad des Lebens gefunden. Einmal drinnen, geht es oft nur schwer wieder heraus.

 

Zurück zum „in die Pfütze springenden Anzugträger“. Du kennst es bestimmt, Momente, in denen man einfach man selbst ist, sich bei Freunden fallen lassen kann und die Hemmungen verliert. Man sagt ungefiltert, was man denkt, tanzt, wie man sich gerade fühlt oder singt, einfach lautstark unter der Dusche. Im Büro undenkbar.

Wie aber, soll man Spaß haben, wenn man sich in allem innerlich rechtfertigen muss? Sollte ich das tun? Was denken dann andere von mir?

Ich bin davon überzeugt, dass man ab dem Moment, in dem man beginnt, dieses Gedankenmuster bewusst zu umgehen (sich vom Strom nicht länger mitreißen zu lassen) das Leben exponentiell an Freude und Glück gewinnt.

So einfach die Theorie, so schwer die Umsetzung.

Ein schmaler Grat zwischen Akzeptanz und Intoleranz der anderen, macht es einem nicht leicht.

Wir Menschen sind auf Sicherheit gepolt, wir lieben geordnete Verhältnisse und ein sicheres Umfeld. Wenn jedoch jemand diesen festen Kreis verlässt, weil er sich mehr im Leben erhofft, kommt dieses ganze Gebilde ins Wanken.

Natürlich könnte man dieser einen Person folgen, auch in Richtung Erfolg streben, aber dafür müsste man sich selbst verändern. Wir Menschen sind faul, Veränderung ist anstrengend, und deswegen suchen wir uns den leichtesten Weg.

Viel leichter als uns zu verändern scheint es, den „Ausbrecher“ wieder in die geordneten Verhältnisse zurückzuholen.

Der Versuch missglückt, neue konträre Weltbilder entstehen, und mit einem Mal passt es gar nicht mehr.

 

Die Entscheidung, gegen den Strom zu schwimmen, kostet viel. Menschen werden gehen, neue werden kommen. Herausforderungen werden härter, dafür der Erfolg größer. Krisen werden emotionaler, dafür der Aufschwung rasanter.

Ich persönlich habe diese Entscheidung für mich getroffen. Das Leben hat so viel zu bieten, wieso also dessen Fülle nicht auskosten.

Viele sprechen darüber, was für einen Beruf sie in ihrem nächsten Leben ausüben würden.

Warum nicht in diesem Leben?

 

Mein Motto: “Man ist erst dann verloren, wenn man sich selbst aufgegeben hat.“

Jeder kann seinen Traum verwirklichen, auch ein 18-jähriger Junge ohne große Lebenserfahrung, mit kindlichen Zügen, der auf die verrückte Idee gekommen ist, alleine mit dem Fahrrad 7500 km zu fahren und jede Nacht im Zelt zu schlafen.

 

Der erste Schritt? Sprenge die Ketten, verwirkliche deinen Traum, mach dich auf eine Reise außerhalb deiner Komfortzone. Gieße ein Fundament, in dem du dir die Frage stellst, welches Ziel du im Leben verfolgen möchtest und forme daraus eine Vision. Nimm dir Zeit, neue Menschen kennen zu lernen, die bereits ein Stück auf dem von dir neu gewählten Weg gegangen sind. Habe Spaß und genieße den Moment.

 

Die Reise hat mein Fundament gegossen. Von nun an werde ich Etage für Etage ein gigantisches Hochhaus darauf errichten.

 

Eines kann ich mit vollster Sicherheit sagen. Diese Reise war die wichtigste Zeit meines bisherigen Lebens. Deshalb möchte ich mich ganz besonders bei all denen bedanken, die Anteil über meinen Blog hatten. Vielen Dank, dass ihr mir auch in den Krisen Mut zugesprochen habt und an den Höhen teilhattet.

 

Phhuuu das war es dann wohl vorerst, was für eine Zeit!

Ich hoffe der Blog (mein Bericht) hat nicht nur mir nachwirkend etwas gebracht, sondern auch in euch einen kleinen Lichtschein aufglimmen lassen. Es würde mich unglaublich freuen, wenn dieses Licht an Stärke gewinnt und Ihr mir eines Tages von eurem Abenteuer erzählt.

Danke für die Zeit, die Ihr mir geschenkt habt.

 

 

Theo

Letzte Kilometer und Ankunft

12. Okt:

 

Tagesetappe: Bottrop - Remagen

Tagesdistanz: 148,9 km

 

 

 

13. Okt:

 

Tagesetappe: Remagen - Wiesbaden

Tagesdistanz: 141,8km 

 

Gesamtreise-Kilometer: ca. 7500 km (auf dem Foto unten sind es 7391,4 km, da ich aber an ein paar Tagen den Garmin nicht an hatte,
                                                             sind es also sicher etwas mehr als 7500 km)

 

 

 

Quer durch den Ruhrpott, eine Ampel nach der nächsten, absteigen, anfahren und wieder halten. Was eine nervtötende Fahrt gegen Ende. In diesem Moment schwebt mir nur ein Gedanke im Kopf: „Hallo Deutschland, du hast mich wieder im Griff“. Vor genau drei Monaten habe ich mir mein Rad geschnappt, um diesem Tohuwabohu zu entfliehen. Diese gesellschaftlichen Konventionen, die Welt des Konsums, der Werbung und der vielen Erwartungen hatten mich müde gemacht. Ich musste raus, und das bin ich. 

Nun bin ich wieder dort, von wo ich komme, doch sehe ich dieselben Dinge nun auf andere Weise. 

Wie durch einen Filter, der alles in einer anderen Farbe erstrahlen lässt. 

Den Filter einer 7500 km langen Radreise, durch Kälte und Regen, Höhen und Tiefen, Herausforderungen und Triumphe. Ich bin überaus glücklich, dass ich diesen Weg eingeschlagen habe. 

 

Am Rhein entlang, durch Köln und Bonn, vorbei an der Loreley fege ich, an diesem letzten Tag wahrnehmungslos dahin. 

Heimkehren. Was bedeutet das eigentlich? Was ist Heimat? Was versprichst du dir von Heimat?

Kein klarer Gedanke ist mehr zu fassen, ein komisches Gefühl. Nach solch einer langen Zeit all die Menschen wieder zu sehen, die man doch so gerne hat. Die letzten Kilometer fahre ich mit einem Affenzahn. Zurück in die Kompfortblase, die sich über die Jahre über Wiesbaden gestülpt hat. Die Straßen sind dieselben wie vor drei Monaten, der Kiosk an der Ecke und das Graffiti an der Hauswand, ... ich fahre die Wilhemstraße entlang, es folgen die Taunusstraße, der Kranzplatz, die Saalgasse, die Nerostraße.... 

 

Noch 30 Meter, dann ist es geschafft. Auf dem Bordstein neben mir rennen die ersten Kinder jubelnd mit mir dem Ziel entgegen. Konfetti fliegt und ich werde eins mit der großen Menschengruppe. Es sind viele gekommen. Mit Schildern der einzelnen Städtenamen, die ich durchfahren habe, in Händen, haben sie auf mich gewartet. Was für eine Ehre. 

Ich hätte im Traum nicht daran gedacht, dass ich so viele Menschen mit diesem Projekt bewegen könnte. Danke an alle, die an mich geglaubt haben, Ihr macht einen großen Teil des Gesamterlebnisses aus. Vielen Dank. 

 

Ein Fremder, der beim Vorbeilaufen von dem Projekt Wind bekommen hatte, kam schließlich zu mir. Das waren seine Worte: 

 

                                                                                „Du bist verrückt, aber ein Held.“

Ein Quäntchen Glück

Tagesetappe: Bielefeld - Bottrop

Tagesdistanz: 137,3km

 

Hier könnte nun, wie in den letzten Berichten, genau dasselbe über das Wetter und die Landschaft stehen, daher überspringe ich diesen Teil.

 

So schnell gingen die letzten Wochen vorbei. Vor nicht allzu langer Zeit schien mir die Heimat noch so fern. Mittlerweile befinde ich mich keine zwei Tage mehr von meinem weichen Bett entfernt. 

Der Alltag hat sich in den vergangenen Monaten drastisch geändert. Ein roter Faden, Regeln und Beständigkeit im Alltag, ein totaler Gegensatz zu meiner derzeitigen Situation. Mal sehen, wie ich diesen Umbruch zu Hause wieder empfinde.

 

Zurück zum heutigen Tag. Während mir das oben Geschriebene durch den Kopf  jagt (vor allem, dass ich nur noch zwei Nächte im Zelt verbringen werde), entsteht der Wunsch, ein letztes Mal ausgiebig zu kochen.

 

Kurzerhand geht es ein zweites Mal am heutigen Tag in Richtung Supermarkt.

Vor dem Gebäude erstrecken sich Pavillons. Viele Kinder rennen wild durcheinander. An Bierbänken sitzen weitere Kinder und auch Erwachsene und schnitzen Gesichter in Kürbisse. Mitarbeiter des Supermarktes tragen Hexenhüte und Süßigkeiten werden verteilt. Es scheint vorgezogenes Halloween zu sein, schließlich ist ja noch nicht Ende Oktober, oder ist mir etwa die Zeit abhanden gekommen? Nein, mein

Handy bestätigt den 11. Oktober.

Eine Mitarbeiterin spricht mich kurzerhand an, da ich in das ganze Geschehen offensichtlich irgendwie nicht passe.

Scheinbar beeindruckt von meiner Tour, und vielleicht um mir weitere Energie zu verabreichen, gibt es für mich auch einige Schokoriegel und Gummibärchen gratis. Der Einkauf hat sich mehr als gelohnt. Was habe ich für ein Glück!

Wie ich in Gesprächen erfahre, ist der besagte Supermarkt "CAP", zur Diakonie gehörig. Daher verfolgen sie ein spezielles Konzept, bei dem behinderte Menschen in einen Teil der Arbeit integriert sind. Eine wirklich klasse Sache.

 

Wenig später, tief im Wald, schmause ich den gekauften Rosenkohl zu Tortellini mit Käse-Sahne-Soße. Wie lecker! Zum Nachtisch gibt es einige der geschenkten Schokoriegel. 

 

Grau und Nass

9.Okt:

 

Tagesetappe: Bad Bevensen -Wunstorf   

Tagesdistanz:  144,6 km

 

10. Okt:

 

Tagesetappe: Wunstorf - Bielefeld  

Tagesdistanz: 100 km

 

Seit zwei Tagen sieht man keinen Unterschied mehr zwischen Horizont und Wolken. Alles ist in ein dunkles Grau getaucht. Gelegentlich regnet es, ansonsten spritzt einem die Nässe von der Straße entgegen. Haus um Haus, Kurve um Kurve nichts Neues. Eigentlich genau so, wie ich mir das Fahren in Deutschland vorgestellt habe, nur dass es mich gegen meine Erwartungen nicht herabzieht. 

Autos hinter mir, neben mir und vor mir. Alleine, wie im Norden, bin ich keineswegs mehr. 

Ich kann mich glücklich schätzen, wenn ich einmal durch einen Wald fahre. Und wenn es dazu kommt, sind die Wege oft von umgestürzten Bäumen versperrt. Das Wettertief in den vergangen Tagen hat einiges an Schaden angerichtet. 

Nach Schweden hätte ich nicht gedacht, dass ich mir Wälder so schnell wieder herbeiwünsche. Überall ist es bebaut, die Natur wurde vertrieben.   

Diese ganzen Umstände entmutigen mich jedoch überhaupt nicht, sie entfachen viel mehr meine Freude, heimzukehren. 

 

Die Wahl eines Schlafplatzes liegt mittlerweile auch nicht mehr wirklich in meiner Hand. Es bleibt mir nichts anderes übrig als das zu nehmen, was sich ergibt. So schlafe ich heute in einem Graben zwischen zwei Feldern. Keine hundert Meter von meinen Füßen entfernt verläuft eine Bundesstraße und in meinem Nacken stehen eine Hand voll Häuser.  

Back to the street

Tagesetappe: Lübeck - Lüneburg 

Tagesdistanz: 117 km

 

Die Schönheit des Nordens zeigt sich von ihrer besten Seite. Bei strahlendem Sonnenschein fahre ich durch Alleen, die von dicken Eichen beschattet werden. Rund herum weite Felder und Wiesen. 

Mein erster Halt ist in Mölln, der Heimat des Till Eulenspiegel. Umgeben von einem Kanal trozt die Kirche auf einer kleinen Anhöhe empor. 

In der Umgebung von Mölln stoße ich auf den Lübeck-Elbe-Kanal. Es läuft wie am Schnürchen. Sonne, Rückenwind, gut ausgebaute Radwege entlang einem wunderschönen Deich. 

Mit schöner Aussicht in Lauenburg auf die Elbe und einer fantastischen Altstadt, schlage ich eine letzte Pause ein. 

Bis in das Abendgrauen radle ich auf dem Deich eines Elbe-Seitenkanal dem Süden entgegen. 

 

Hoffentlich kann ich diese Seite von Deutschland in guter Erinnerung halten. Die nächsten, meine letzten Tage, soll es nämlich Regnen.  

Deutschland kann doch anders

Mein kurzes Stimmungstief in Schweden, auf Grund der erwarteten Eintönigkeit in Deutschland, ist mit dem heutigen Tag endgültig ungerechtfertigt.

Da es wie aus Eimern schüttet und ich das Angebot bekomme, für eine weitere Nacht zu bleiben, ergibt es sich, dass ich einen weiteren Tag in Teschow (nordöstlich von Lübeck) verbringe. Eigentlich besteht ja auch keine wirkliche Eile ganz schnell nach Hause zu kommen.

 

Der Tag verspricht einiges an Programm. Bereits beim Frühstück entstehen nicht enden wollende Gespräche. 

Die beiden haben eine deutlich anti-kapitalistische Sichtweise, waren bei den friedlichen G20-Demos dabei und leben ein sehr bewusstes Leben. Yoga, Vegetarismus und der Gebrauch von nachhaltig produzierten Lebensmitteln, sind ein klares Zeichen. 

Am Mittag geht es zu einem Dorftreffen namens „Klön Schnack“. In Gemeinschaft wird Kaffee und Kuchen verzehrt und über die neuesten Ereignisse berichtet. 

Entgegen meinen Erwartungen waren die Leute viel offener und humorvoller. Ohne weiteres wurde ich in die Gemeinschaft eingebunden, dabei hatte ich die Erwartungen, dass in einem Dorf in dem nur ca. 50 Menschen leben, vorwiegend sehr konservative Denkweisen verbreitet sind. Völliger Irrtum. 

Das Ganze wird am Abend noch durch einen gemeinsamen Filmabend mit anschließendem Essen übertroffen. Zeitweise wird die Dokumentation (über Städtebau in Metropolen) unterbrochen und wilde Diskussionen entbrennen. Ein sehr gelungener Abend. Und ich hatte gedacht, ich würde in Deutschland nichts wirklich Neues zu sehen / erleben. 

Die Menschen, die man auf der Reise trifft sind die halbe Miete. In der Gemeinschaft wird der Blick auf neue Sichtweisen gelenkt. 

 

Zwischendrin gab es noch eine Besichtigung von einem derzeit renovierten Backhaus. Das tragende Gerüst aus dicken Eichenbalken, mit Holznägeln verbunden. Das Fachwerk komplett mit Lehm und Stöcken ausgekleidet. Ein wahres Stück Geschichte.   

Es kann weiter gehen

Bei schönstem Wetter helfe ich heute Peter ein wenig im Garten aus, Brennholz schichten und Fließen schneiden. 

Gestern Abend ist noch eine Tante von Peter vorbei gekommen, und wir haben uns gemeinsam Bilder meiner Reise angeschaut. Wie lange manches für mich schon her ist und irgendwie in weiter Vergangenheit scheint. 

 

Gegen Mittag, der entscheidende Anruf. Die Teile sind angekommen, das Fahrrad ist fast fertig. Was für eine Erleichterung. Ohne weiteres geht es mit dem Bus zurück nach Lübeck. 

 

Ich habe es ehrlich gesagt nicht für möglich gehalten, dass mal etwas reibungslos klappt. Aber tatsächlich, dort steht mein Fahrrad, wie neu, und so fährt es sich nun auch. - Zurück fliege ich förmlich. -

 

Es ist fast geschafft. 6600 km sind mittlerweile auf dem Kilometerzähler. Ca. 600 km fehlen noch. Morgen wird es in aller Frühe weiter gehen. 

 

Welch ein Glück! Ich freue mich richtig!

 

 

 

Bevor ich mich morgen auf den Weg mache, muss ich Euch aber hier die weltbeste vegane Nutella von Peter vorstellen. Einfach nur köstlich!, und schon in dieser Hinsicht hat sich mein Zwischenstopp in Selmsdorf mehr als gelohnt!!! 

 

Peters Rezept: 

 

Vegane „Nutella“ – aber besser! 
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250 g eingeweichte Datteln (am besten eignen sich Medjool Datteln) 
100 ml Wasser Handvoll Haselnüsse 50 ml Kokosöl, 50 g Kakaopulver (pur) 
1 TL Vanillepulver 
Das Wasser und die Haselnüsse im Mixer auf höchster Stufe zu einer Haselnussmilch verarbeiten. Anschließend die restlichen Zutaten hinzugeben und ebenfalls auf höchster Stufe mixen, bis eine gleichmäßige, cremige Konsistenz entsteht. Je nach Mixer eventuell noch einen Schluck Flüssigkeit hinzugeben (am besten jedoch so wenig Flüssigkeit wie möglich). In ein Glas füllen und genießen. Die Schokocreme schmeckt super auf selbst gemachtem Brot (z.B. Walnussbrot).

  

Die Hiobsbotschaft

Natürlich konnte es bei alldem gestern nicht bleiben. 

Da ich nun notgedrungen mehrere Tage in Lübeck verbringen muss, habe ich mir erneut über Couchsurfing einen Kontakt organisiert. 16 Kilometer entfernt von Lübeck in einer alten Scheune, nahe der Trave in Teschow, wohnt Peter mit seiner Frau. 

Ohne weiteres ist es jedoch nicht so leicht mit der öffentlichen Verkehrsanbindung dieses Heim zu erreichen.

Meinen schwer bepackten Anhänger teils tragend, teils schiebend, wuchte ich mich von einem in den nächsten Bus, bis ich endlich nach langer Suche die richtige Anbindung finde.

Der Bus, der mich zu meinem neuen Schlafplatz in Selmsdorf bringen soll, rollt ein, doch die hinteren Türen bleiben verschlossen. Eine "hitzige" Diskussion mit dem Busfahrer entsteht. Partout will er mich nicht mit dem Anhänger hinein lassen. Aus Angst den Boden des Busses mit dem Anhänger zu zerkratzen, verwehrt er mir den Eintritt. Nichts hilft, aber auch gar nichts. Die Türen schließen und der Bus rollt an, ohne mich, bezahlt hatte ich das Ticket allerdings schon zuvor. Na Klasse. Was nun? 

Das war eine Nummer zu viel! Eine Stunde müsste ich auf den nächsten Bus warten, im Regen, und dann vielleicht das gleiche Spiel? Nein.

Nach einer halben Stunde stehe ich so ein zweites Mal vor der Rezeption des Hostels von gestern und buche eine weitere Nacht. 

In der Zwischenzeit hatte sich ebenfalls die Werkstatt gemeldet. Nicht nur das Lager ist kaputt, gleich die ganze Kurbel ist im Eimer. Welch eine Hiobsbotschaft?! Zu dem Zeitpunkt stand für mich fest, morgen sitze ich im Zug nach Hause. 

Schließlich kam es dann doch anders: Paul, ein Freund / Sponsor von Tri Cycles, hat glücklicherweise die passenden Teile auf Lager, die es in ganz Lübeck nicht aufzufinden gibt. 

Per Express schickt er die Teile heute noch direkt an den Fahrradladen, damit das Fahrrad hoffentlich morgen wieder fahrbereit ist. 

 

 

Des weiteren habe ich mich heute dann doch in Peters umgebauter Scheune eingefunden, nachdem Peter mich und meinen Anhänger mit dem Auto netterweise in Lübeck direkt abgeholt hat. 

 

Mal sehen ob die Fahrradinstandsetzung morgen nun so klappt, wie erhofft.

Jedenfalls genieße ich jetzt erst mal die ländliche Luft, die schöne Umgebung in Selmsdorf und Peters tolle Gastfreundschaft.  

Es läuft mal wieder nichts

Ein Tretlager zu wechseln ist kein Hexenwerk. Es braucht eigentlich nur ein wenig Zeit, doch man bennötigt natürlich das passende Ersatzteil. Dass das in einer Stadt, die mehr als zwanzig Fahrradläden in der näheren Umgebung hat, zum Problem werden könnte, ist mir nicht einmal im Traum gekommen. 

Gestärkt von einem unglaublich reichhaltigen Frühstück im Hostel (Altstadthostel-Lübeck), gehe ich voller Tatendrang zum ersten Fahrradladen. Gleich der erste Schlag ins Gesicht: Am 20. November hätten sie erst wieder Zeit, sich meinem Fahrrad zu widmen. Bei den nächsten sieben Fahrradläden genau das selbe Problem. 

Wie viele Fahrräder muss es denn bitte in dieser Stadt geben, dass wirklich keiner auch nur kurz mein Fahrrad dazwischen schieben kann? Mittlerweile versuche ich bettelnd weiter zu kommen, biete extra Geld und einen Platz für den Fahrradladen auf meiner Homepage. Nichts. 

Die Füße schon schlapp vom Gehen, versuche ich das elfte Mal mein Glück und finde dieses Mal sogar jemanden, der zumindest Zeit hat, das Teil in den nächsten Tagen auszutauschen. Doch ein weiteres Problem "rollt" an. Es gibt viel zu viele verschiedene Tretlager auf dem Markt. Natürlich haben sie kein passendes auf Lager. Hinzu kommt, dass man die Typenbezeichnung erst ablesen kann, wenn man das Tretlager ausgebaut hat. Kurz gesagt, mir bleibt nichts anderes als zu warten und schlussendlich mittels Express-Versand ein neues Teil an die Werkstatt schicken zu lassen, sobald ich die Typenbezeichnung kenne. 

Zwischenzeitlich saß ich in Gedanken schon im Zug nach Hause. Wieso bitte so kurz vor dem Ende, aber immerhin auf jeden Fall besser hier, als oben am Nordkap ;-), oder sonstwo in der Walachei ohne Zuganbindung....? Ich muss wohl geduldig abwarten (obwohl ich im Moment total ungeduldig bin) und dann eine Entscheidung treffen.

 

Dementsprechend ist meine gute Laune heute ins Bodenlose gesunken. Es kotzt mich so an. Entschuldigung, aber diese Ungewissheit setzt mir so kurz vor dem eigentlichen Ziel / Ende irgendwie zu. 

Zurück auf deutschem Boden

Tagesetappe: Rodby (DK) -  Deutschland: Puttgarden auf Fehmarn - Lübeck

Tagesdistanz: 0 km mit dem Fahrrad, ca. 90 km mit dem Zug

 

Wow, was für ein Gefühl. Nach solch einer langen Zeit wieder in Deutschland. Mittlerweile ist es für mich dermaßen komisch geworden, dass alle um mich herum meine Sprache sprechen. Gelegentlich passierte es heute, dass ich Leute auf Englisch anspreche. Unbewusst lausche ich den Konversationen anderer Menschen. Es fühlt sich ein wenig so an, als hätte ich eine Art Erleuchtung, mit plötzlich verstehe ich wieder  alles. 

Wie bereits gestern beschrieben, ist mein Fahrrad leider unbefahrbar. Eine Werkstadt muss her. Das einzige Problem:

Auf Fehmarn, einer Halbinsel an der Ostseeküste (die Fähre, mit der ich gefahren bin, führt von Rodby nach Puttgarden), gibt es nur leider keinen Fahrradladen und schon gar nicht am Tag der deutschen Einheit. 

Die beste Möglichkeit, die bleibt, ist der Zug nach Lübeck. Dort wird dann hoffentlich morgen wieder alles am Laufen sein. 

In der Altstadt finde ich nach kurzer Suche ein nettes Hostel und lerne zudem einen gleichaltrigen Schweden kennen. Gemeinsam schlagen wir uns die Bäuche bei einem Italiener voll und tauschen die Erfahrungen aus. Es stellt sich heraus, das viele seiner Ansätze den meinigen gleichen.

 

Ps: schon witzig, dass ich ausgerechnet am Tag der Deutschen Einheit nach langem wieder nach Deutschland zurückkehre.  

Am Limit

 

Tagesetappe: Kopenhagen - Rodby

Tagesdistanz: 154 km

 

Solche Tage machen einen einfach nur fertig. 

Wenn man morgens in einem warmen Bett aufwacht, die Decke vom Körper streift, verschlafen aus dem Fenster schaut und eine graue Regenfront einen auf einen Schlag wieder zurück ins Bett boxt. Dennoch kurze Zeit später: Ein letztes Mal frühstückt man im Warmen und genießt den letzten Klogang. Wieso tut man sich das Ganze überhaupt an? Warum macht man sich freiwillig auf in den Regen, mit dem Wissen, dass man innerhalb von zwanzig Minuten durchnässt und nach der ersten Pause unterkühlt ist?

Dennoch, es führt kein Weg daran vorbei. Aufs Rad geschwungen, Regenausstattung angezogen und los in die Nässe. 

Von rechts nach links schubst einen der Wind mit Leichtigkeit über die Straße. Keine Chance, schutzlos aufgeschmissen. Derweil sticht jeder einzelne Regentropfen wie eine kleine Nadel auf Arme und Gesicht ein. Dicke Tropfen rollen von meinem Kinn. Die Nässe beißt sich durch meine Schuhe, bis auch der letzte trockene Stoff-Fleck durchdränkt ist. Bereits bei einem Kurzaufenthalt wie z.B. an einer Ampel fängt der Körper an auszukühlen. Das Einzige was hilft: rastlos fahren. 

 

So rolle ich die ersten 90 km an einem Stück. Total am Limit, der Hunger plagt und die Muskeln schmerzen. 

Das Wetter bessert sich zwar mit der Zeit, dafür verschlechtert sich leider unablässig die "Gesundheit" meines Tretlagers mit jedem Kilometer. Alle paar Meter zuckt ein Knacken durch den ganzen Rahmen, gefolgt von einem schmerzerfüllten Quietschen, als würde man einen Stein auf einer Glasplatte entlangziehen. Kein Hilfeversuch glückt, ich hatte keine andere Wahl, bis zur Fähre das Fahrrad und mich zu quälen. Wahrscheinlich wurde im Laufe der Reise das Fett im Tretlager ausgespült. Folglich konnte Dreck in die Lager eindringen und die Kugeln blockieren. Das laute Knacken ist womöglich das endgültige Zermahlen einzelner Kugeln. Oh Schreck!!!

Kurzum, so kann ich absolut nicht bis nach Hause fahren. 

 

Gegen Abend stoße ich wieder mit Alex zusammen, von dem ich mich kurz nach Kopenhagen getrennt habe. 

Beide völlig ausgelaugt vom Gegenwind, nicht mehr bereit, auch nur einen weiteren Meter zu fahren, stellen wir unser Zelt schließlich einfach direkt auf die Wiese vor einer Kirche in der Mitte des Dorfes Rodbyhaven. 

 

Gute Nacht. 

Ein kurzer Aufenthalt in Kopenhagen

Tagesetappe: Plejelt - Kopenhagen 

Tagesdistanz: 43 km

 

Entlang der Ostküste Dänemarks geht es in Richtung Kopenhagen, die letzte Hauptstadt meiner Reise. 

Dicke Villen mit noch dickeren Luxus-Wägen, die im Spalier vor den stilvollen Eingangspforten aufgereiht stehen, ziehen den Blick auf sich. Stimmige Architektur, alte Villen neben modernsten Neubauten. 

An mancher Stelle kann man einen Blick auf das aufgerauhte Meer erhaschen. Schaumkronen tänzeln auf den tobenden Wellen. Der Wind heizt dem Ganzen gewaltig ein. 

Dänemark erinnert mich in irgend einer Weise stark an England, weil die Straßen oft sehr eng und von hohen Hecken umzäunt sind. 

In Kopenhagen angekommen, beziehen wir ein Hostel und machen uns kurze Zeit später auf in die belebten Gassen der Hafenstadt. Ähnlich wie in Stockholm erstrecken sich viele altertümliche Paläste, behördliche Gebäude und Wohnhäuser quer durch die Innenstadt. Mir kommt die Stadt ein wenig kompakter und nicht ganz so pompös vor, dies könnte aber auch am bedeckten Wetter liegen. Auf jeden Fall eine wunderschöne Stadt mit belebtem jugendlichem Flair. 

 

Zum Abschluss, und weil Alex morgen Geburtstag hat, geht es heute seit langem mal wieder in ein Restaurant zum Essen. Mittlerweile ein ganz schöner Luxus, den ich dafür um so mehr genießen kann. Es war richtig lecker! Diesen schönen Abend lassen wir bei einem beschwingten Cocktail ausklingen bzw. stoßen zu Alex Geburtstag an.

Traditionen des Nordens

Tagesetappe: Värnamo - Skånes Fagerhult

 

Tagesdistanz: 81,23 km

 

Skandinavien prägt eine ganz spezielle Kultur. Besonders ein Motiv bricht aus dem Lebensalltag hervor. Rationierung.

Als es früher noch keine Supermärkte gab und auf dem Land der Milchmann allwöchentlich kam, hatten vor allem die nordischen Länder zu kämpfen. Eine dicke weiße Schneeschicht machte es schwer, an Essen zu gelangen, geschweige denn zu ernten. Deswegen wurde "gebunkert".

In den Supermärkten findet man bis heute eine riesige Abteilung mit Knäckebrot, Wasser, Salz und Mehl, einfache Kost, aber lange haltbar. Traditionellerweise ist das Knäckebrot kreisrund mit einem Loch in der Mitte, um es an einem Besenstiel auf dem Dachboden aufzuhängen, damit man es vor den Nagern in Sicherheit wusste. Auf diese Weise hält es über mehrere Monate bis Jahre.

Auch bei anderen Lebensmitteln lässt sich dieses Phänomen wiederfinden. Käse ist vorwiegend in ganzen Laiben zu erhalten und ein Aufschnittkäse, unter 1kg Inhalt, eher unüblich. Für eine einzelne Person wie mich unmöglich. 

Zur Haltbarkeitsverlängerung wurde in Skandinavien früher natürlich eine Menge Salz verwendet, weshalb traditionelle Fisch-Creme-Brotaufstriche noch heute sehr pikant sind. 

 

In anderen Bereichen der Entwicklung scheiden sich die Welten. Handwerklich begabt, wird das Eigenheim mit eigenen Fähigkeiten gebaut, modelliert und repariert. Zäune werden aus in den Boden gehauenen Stöcken gebaut, und ein mehrere Meter hoher Berg Brennholz findet sich vor vielen Häusern. Es wird selbst Hand angelegt.

 

Auf der anderen Seiten findet man die neusten Techniken an jeder Ecke. Die Tankstellen meist unbemannt, nur der Kartenautomat als Kassierer. Im Supermarkt kann man mit seinem eigenen Pips-Dings durch die Reihen ziehen und somit die gewünschten Produkte gleich selber einscannen. Dicke Ami-Karren feuern gewaltige Dieselwolken in die Luft. Was für eine Welt! 

Schweden ade

Tagesetappe: Skånes Fagerhult - Plejelt 

 

Tagesdistanz: 89 km

 

Eine schöne Zeit geht zu Ende. Zu Beginn hatte ich meine Probleme mit Schweden. Das Straßennetz ungeheuerlich und das Wetter wollte auch nicht so recht. Doch mit der Zeit und den vielen kleinen Überraschungen, hat es doch einen wichtigen Platz eingenommen. 

Mit der Fähre geht es rüber nach Dänemark, das „letze“ Land meiner Reise. Ein komisches Gefühl, darüber zu schreiben. 

Während der Planung kam es mir vor, als würde es noch ewig dauern, bis der Startschuss fällt. Und jetzt, jetzt bin ich hier, fast am Ende, am Ende einer gewaltigen Reise, einer unvergesslichen Reise. 

So vieles ist geschehen, Menschen, die mich mit ihrer Lebensweise inspiriert haben, Grenzen, die sich ausgeweitet haben und Momente, die mir noch lange ein Lächeln auf den Mund zaubern werden. 

Wenn ich eines weiß, dann das, dass diese Reise auf eine besondere Art meine Leben verändert hat. 

Von Alex, dem Freund der mich derzeit noch begleitet, werde ich mich nach Kopenhagen wieder trennen, denn ich benötige noch mehr Zeit alleine. Ein ganz wichtiger Punkt fehlt noch.  

Über so vieles habe ich nachgedacht, reflektiert und mir andere Meinungen angehört. Jetzt ist mit der wichtigste Punkt gekommen; das Gedankengut in handfeste Entscheidungen umzuformen. Nur auf diesem Weg kann eine Veränderung im Alltag stattfinden. Nicht festgehaltene Entwürfe werden vom Umgebenden, heimischen Strom mit der Zeit davon geschwemmt.

 

Ich will Veränderung! 

Einfach dort schlafen wo man will

Tagesetappe: Röttle - Värnamo

 

Tagesdistanz: 106 km

 

Fast jeden Abend mache ich mich auf die Suche, erspähe ein, zwei Orte und baue schließlich mein Zelt auf.

Wenn ich eines bei diesem Prozess gelernt habe, dann, dass man sich niemals mit einem ungenügenden Platz zufrieden geben darf.

Wenn man nur will, findet man immer ein schönes Plätzchen. 

 

Das Glück liegt bei dem der sucht! 

 

Teilweise probiere ich fünf, sechs Wege, die zu einem See führen, schiebe hunderte Meter durch den Wald oder fahre weitere Kilometer, aber es kommt immer ein Ort, an dem ich mich wohl fühle. 

Oft ist es fraglich, ob man einen Platz nehmen sollte, wie z.B. gestern haben wir in einem offenen Wintergarten auf einem verlassenen Grundstück am See geschlafen. Aber ich denke, genau so entstehen die Geschichten, die man später erzählen kann.

Zu langweilig wäre es doch, wenn man sich immer an alle Regeln hält und vorbildhaft auf ausgezeichneten Plätzen campt. Natürlich muss man den Platz so verlassen, wie man ihn vorgefunden hat oder besser. 

 

Dinge die mir das Wildcampen leichter gemacht haben: 

  • an öffentlichen Badestellen Campen, man hat Wasser, kann baden, Kleidung waschen und sie sind gut ausgeschildert -> erleichtert die Suche 
  • in der Nähe von Friedhöfen -> sauberes Wasser
  • In alleinstehenden Holzhütten auf Feldern -> Dach über dem Kopf

Karibik inmitten von Schweden

 

Tagesetappe: Borensberg - Röttle

Tagesdistanz: 96,8 km

 

Es scheint, als wäre Schweden nach Stockholm ein ganz anderes Land. Viele kleine, schön zu fahrende Straßen führen parallel zur Autobahn genau in die gewünschte Richtung, und die Landschaft ist mit einem Mal viel interessanter.

Viele Landsitze, Felder und eine Menge Seen. Trügt der Schein? Liegt es nur daran, dass ich nun mit jemandem anderen fahre, was zudem sehr viele neue Aspekte einspielt? Oder ist es einfach dieses geniale Wetter? Egal, Hauptsache es bleibt so. 

 

Um den Vätternsee führt ein Rundkurs für Fahrradfahrer, was bedeutet, dauerhaft gut ausgebaute Radwege. Wir fahren so nah am Wasser wie es nur geht, und eine schöne Aussicht ist uns garantiert. Die Zeit auf diesen Wegen tankt mich unweigerlich mit neuer Kraft und Laune auf, die letzten ca. 1200km  bis nach Hause in Angriff zu nehmen.

Die Region rund um den Vätternsee kann ich allen empfehlen, die mit dem Gedanken spielen, eine Reise in Richtung Süd-Schweden anzugehen. 

 

Nicht unweit der Straße parallel zum Ufer findet man ohne Probleme stille Oasen, die einen sogar ein wenig Sandstrand-Feeling verspüren lassen. Alleine, dass am Horizont die blassen Umrisse von Nadelbäumen in den Himmel piken, holt einen aus dieser Vorstellung wieder zurück.

Ein normaler Tag auf der Reise

Tagesetappe: Krokek - Borensberg

Tagesdistanz: 105,6 km

 

07.45 Uhr:  Ich wache aus meinem verträumten Schlaf auf und widme mich, ohne Umweg, dem gestrigen Bericht

08.15 Uhr:  Frühstück; warmer Haferschleim mit Zuckersirup und Marmelade, kostensparend und sättigend

09.00 Uhr:  Zeltabbau und Verräumen der herumliegenden Utensilien in die Packsäcke

09.30 Uhr:  Es könnte los gehen, Alex benötigt jedoch noch ein wenig länger mit dem Verräumen

10.30 Uhr:  Es geht los! Die ersten Kilometer gehen wie Öl runter, Sonnenschein und Gewässer zur Rechten. Es ist bereits recht warm.

11.30 Uhr:  Ich bin absolut fertig, schweißgebadet, mir hängt die Zunge aus dem Hals, japsend versuche ich am Hinterrad von Alex zu bleiben

12.00 Uhr:  Ich lasse mich fallen und fahre mein Tempo, Alex ein Stück vorne weg

14.00 Uhr:  Ein halber Kirsch-Streuselkuchen fliegt förmlich in meinen Mund und der Zucker kämpft sich binnen Sekunden den Weg in
                    meinen Körper. Neues Leben geht in mir auf. 

15.00 Uhr:  Der Weg verwandelt sich in ein Schlammbad aller erster Klasse, eine millimeterdicke Schicht braune, stinkende Brühe klebt
                    an meinen Beinen, am Abend Waschen somit unweigerlich erzwungen. 

17.00 Uhr:  Die Suche nach einem Schlafplatz beginnt, einen Kompromiss gibt es nicht, nur das Beste wird auserkoren 

17:45 Uhr:  Endlich fündig, natürlich wie immer an einem See, und mal wieder einzigartig / wunderschön!

18:00 Uhr:  Zelt aufbauen, Isomatte ausrollen und der ganze Rest; bei einem Einmann-Zelt geht es sehr schnell, bei einem Dreimann-Zelt, wie
                   Alex eines hat, kann das schon fast vierfach so lange dauern (aber es ist ja heute schließlich erst sein 2. Aufbautag ;-)).

18:30 Uhr:  Ich stürze mich in die kalten Fluten des Sees, um mich am neu gewonnenen Reinheitsgefühl zu erquicken

19:00 Uhr:  Gemüse schnippeln, Reis aufkochen und Köttbullar anbraten es dauert ewig…

20:15 Uhr: … der erste Löffel wird in den Mund geschoben, mit leichtem Spiel wandert das heiße Essen nach und nach in den Magen, köstlich

20:45 Uhr:  Abwasch, wie ich es hasse, mir fehlt definitiv der Geschirrspüler; nun ja, den mit zu transportieren wäre auch nicht so witzig /
                   sinnvoll, vielleicht sollten wir eher darüber nachdenken das Spülen im Wechsel zu machen, oder würde Alex vielleicht, zumindest in
                   den ersten Camper-Tagen, noch seine Erfüllung darin finden / glücklich sein das Gefühl "back to the roots" zu haben? Ich glaube
                   ich sollte nochmals dringend mit ihm darüber sprechen.

21:00 Uhr:  Zähneputzen und die alltägliche Abendroutine

21:15 Uhr:  Jetzt beginnt die Zeit, in der man eigentlich schon viel zu müde und fertig vom Tag ist, aber man dennoch den Moment nicht
                   ohne ein paar Minuten vollständiger Aufmerksamkeit vergehen lasse will und den Tag reflektieren.

23:00 Uhr: Endlich ins Bett!!  

Eiskaltes Vergnügen

Tagesetappe: Vagnhärad - Krokek

Tagesdistanz: 98.90 km

 

Der Sommer hier in Schweden scheint noch einmal wiederzukommen. Die Sonne strahlt in voller Kraft, der Schweiß perlt. Angenehmer könnte es nicht sein. Beständig rollt mein etwas träger Zug dahin. Alex ist ein wenig leichter unterwegs, und erkundet deswegen schon einmal die Kilometer weiter vorne. Nach geraumer Zeit treffen wir uns wieder und lassen uns auf ein Neues auseinander fallen. Jeder fährt sein Tempo, jeder erlebt die Momente auf seine Art. 

 

Das Zelt wird natürlich am Abend wieder an einem See aufgebaut, und vielleicht ein letztes Mal geht es in den kalten schwedischen Fluten baden. Das Wasser ist wirklich eiskalt. Dennoch gibt es nichts lohnenswerteres, als sich zu überwinden und den Schritt in die frostige Kälte zu gehen. Ein unermessliches Reinheits- und Sauberkeitsgefühlt stellt sich danach ein. Von dem Erfolgserlebnis erfüllt, den eigenen Körper überwunden zu haben, wärmt einen eine neu aufquellende Fontäne von Glück und Zufriedenheit. Der perfekte Start für einen schönen Abend! Wenn sich einem die Gelegenheit bietet, sollte man sie unbedingt ergreifen. Man hat nichts zu verlieren, nichts. Nur eine Menge zu gewinnen.

 

Übertragen auf das Leben sollten wir uns sicher immer im Hinterkopf halten, wenn wir vor einer fraglichen Situation stehen, ob wir denn wirklich etwas zu verlieren haben. In 90 % der Fälle kann man diese Frage denke ich mit „Nein!“ beantworten. Wenn wir ein Leben lang genau so denken, wie viele Erfahrungen werden uns dadurch nur geschenkt? Und wie viel besser werden wir dadurch diese Welt, mit all ihren Möglichkeiten kennen lernen? 

 

Einige Zeit später beobachten wir an der Oberfläche des Sees die Bewegungen einer Wasserschlange, siehe Foto. Was für ein besonderer Anblick. So wesentlich beruhigender, als wenn wir sie bereits während dem Baden entdeckt hätten.

Vereinte Kräfte

Tagesetappe: Stockholm - Vagnhärad

Tagesdistanz: 73,5 km

 

Nach nun längerer Pause in Stockholm geht es wieder auf’s Rad. Mittlerweile rollt es definitiv nicht mehr wie am Anfang, der Dreck hinterlässt seine Spuren und der Verschleiß ist nicht mehr zu überhören. Das Tretlager knackt ein wenig, die Schaltröllchen quietschen. Zu meinem Entsetzten, gesellt sich heute sporadisch ein schmerzerfülltes Schleifen dazu. Als würde ein Stein zwischen zwei rotierenden Teilen sein Unheil treiben. Der Lehrlauf ist mittlerweile auch dermaßen schwergängig. Aber was bleibt mir als einfach weiter in die Pedalen zu treten, komme was wolle. 

Mit jemand anderem zu fahren, sich auf jemand anderen einzulassen, ist nach einer so langen Zeit alleine, in der ich stetig meinen eigenen Weg gehen bzw. fahren konnte, gar nicht so leicht. Es wird eine ganz neue Erfahrung werden in den nächsten Tagen, in denen ich viel über eine andere Seite meines Charakters lernen werde. Ich bin gespannt. 

Am Abend, natürlich wieder einen schönen Platz am See ausgesucht, Reis, Hackfleisch und Tomatensoße und ein Feuer unter bezauberndem Sternenhimmel. Nur zum ersten Mal eben nicht alleine Wildcampen. Auch mal ganz nett.

Ein auferstandenes Schiff

Für Stockholm sollte man sich am besten ein wenig Zeit einplanen. Für nur einen einzigen Tag Stadtbesichtigung hat dieser Ort einfach zu viel zu bieten. 

Kurzum geht es heute dann doch in das Vasa-Museeum. Ein gigantisches Segel-/ Kriegsschiff des schwedischen Königs, welches im Jahr 1628 bei seiner Jungfernfahrt im Stockholmer Hafen gekentert ist, thront restauriert über mehrere Etagen hinweg. Nach 333 Jahren im schwarzen Schlamm des Hafengrundes, wurde es geborgen und wieder zusammengesetzt. Der Besuch lohnt sich wirklich! 

 

Im Laufe des Tages stößt Alex (ein Freund, der für ein paar Tage mitfährt) hinzu, und bei gegrillten Würstchen lassen wir uns von unserem Host Martin verwöhnen.  

Die Perle des Nordens

Tagesetappe: Uppsala - Stockholm

Tagesdistanz: 76 km

 

Stockholm: Diese Stadt, ich bin einfach nur noch hin und weg. Mir wurde gesagt, dass es eine vielseitige und atemberaubende Stadt sein müsse, aber das was diese Stadt mit mir macht, sprengt alle Erwartungen. 

 

Das erste Mal auf meiner ganzen Reise stöpsle ich mir Kopfhörer in die Ohren und lasse mich berauschen (Podcast: Beste Freundinnen, sehr empfehlenswert). Autopilot, die ganze Konzentration auf den Hör-Sinn gerichtet fliegt, alles an mir vorbei. 

Mitten in der Stadt, die Folge ist zu Ende, Stille, die Wahrnehmung springt um und ich finde mich im größten Gewusel seit Bangkok wieder. Überall blinkt es, ein Auto hupt, Menschen mit Koffern kämpfen sich die Straße entlang, und tausende andere Fahrradfahrer bilden eine Einheit mit mir. Eine wahre Reizüberflutung.

Alte Gebäude, neue Gebäude, Architektur, Kunst und vor allem Menschen. Wirre Wege, Straßen in verschiedensten Ebenen, Brücken von A nach B, aufs Erste ist es unmöglich, sich zurechtzufinden. Als ich mich schließlich doch durch diesen  „Tsunami“ durchgekämpft habe, beglückt mich der wunderschöne Sonnenuntergang, der die gesamte Stadt in ein tiefes Rot taucht. Wunderschön. Die pompösen, königlichen Gebäude strömen in der goldenen Sonne eine altertümliche Dominanz aus. 

Am nächsten Tag ist es hingegen trüb, es regent. Bin ich froh, dass ich so himmelhochjauchzend empfangen wurde, sonst hätte ich ein ganz anderes Bild von Stockholm bekommen. Wie situationsgebunden doch jede Empfindung eines Ortes ist! Jede noch so kleine emotionale Regung bestimmt unsere Wirklichkeit über einen Ort. Kurios.  

Uppsala, zwei Freunde aus Wiesbaden getroffen

Überall Studenten, kleine individuelle Cafés, ein Kanal und überall im Grünen, das ist Uppsala. An Attraktionen hat die Stadt nicht sonderlich viel zu bieten, aber das braucht sie auch überhaupt nicht. Viel schöner ist es, sich einfach durch die Straßen treiben zu lassen und die Atmosphäre aufzufangen. So manche Stellen erinnern mich, aufgrund der vielen alten Brücken und des Kanals, an Amsterdam. Die Innenstadt prägt aber vor allem auch das Bild, das in ganz Schweden zu sehen ist, keine 50 m ohne Bettler. 

Lobenswert, dass Schweden so viele Flüchtlinge aufgenommen hat. Schade, dass es vielen dennoch nicht gut geht bzw. die Ressourcen nicht ausreichen, ihnen ein bodenständiges Leben zu ermöglichen. 

 

 

Eine viel größere Überraschung ist schließlich, dass zwei Freunde aus Wiesbaden (Paul und Robert), die gerade mit dem Camper in Schweden unterwegs sind, noch einen spontanen Abstecher nach Uppsala machen. Was für ein Zufall, dass es bereits zum zweiten Mal hinhaut, jemanden aus Wiesbaden zu treffen. Genial, dass es spontane Menschen gibt. Die beiden haben mittlerweile eine erlebnisreiche Zeit hinter sich. Mit defekter Lichtmaschine und gerissenem Antriebsriemen keineswegs langweilig, ging es einmal rund durch den Süden von Schweden. 

 

Französisch, spanische Gastfreundschaft

Tagesetappe: Gysinge - Uppsala

Tagesdistanz: 76 km

 

Es ist ein ganz anderes Gefühl, wenn man am Tag nur wenige Kilometer fährt (70km). Viel mehr Zeit, die man drum herum zur freien Gestaltung hat. Diese mehr oder weniger neue Erfahrung (da ich sonst immer vorwiegend darauf bestanden habe, 100km oder mehr zu fahren) zeigt, dass das Fahrrad nur ein kleiner Teil der Reise ist. Ein Gegenstand, der zum Sinn und Zweck hat, in einer annehmbaren Geschwindigkeit die Welt zu erkunden. Der sportliche Anreiz ist nicht gegeben, es geht alleine darum, die Umgebung kennen zu lernen und sich auf das, was kommt, spontan einzulassen. 

Natürlich regnet es heute als ich aufwache und das wird auch nach geraumer Zeit nicht besser. Kurzum räume ich das Lager und fahre los in Richtung Uppsala. Zwischendrin noch schnell das Zelt zum Trocken aufgebaut, damit es in den kommenden Tagen nicht in der Hülle verschimmelt  und mich beim nächsten Aufbau ein weißes Wunder erwartet, rolle ich gemütlich zu meinen nächsten Couchsurfing Hosts. 

David (aus Frankreich, Anwalt) und Jonathan (aus Spanien, Biologe) ein Paar, die gefühlt bereits auf der ganzen Welt gewohnt und Erfahrungen gesammelt haben, empfangen mich nicht offenen Armen. Bei so vielen Erfahrungen, die die beiden schon gesammelt haben, gibt es einiges zu bereden. 

 

Wie man doch immer wieder kulinarisch verwöhnt wird. Bei selbstgemachten Gnocchi und gegartem Fleisch und Gemüse lässt sich einfach nichts mehr sagen, oder doch: einfach Spitze!

 

Ich stehe mir selbst im Weg

 

Tagesetappe: Ockelbo - Gysinge

Tagesdistanz: 104 km 

 

Wälder, nichts als Wälder, und dann sieht man Bilder von anderen Radreisenden auf Instagram, die gerade in Australien durch ein Outback radeln. Der direkte Gegensatz. Über sandige Wüstenpisten, oder auf überschwemmten Straßen. Das wäre doch auch was. 

Die Herausforderung auf meiner Reise hat nachgelassen. Jeden Tag die selbe Routine: aufstehen, frühstücken, Zelt abbauen, alles einpacken, fahren, Mittagspause, fahren, Zelt wieder aufbauen, kochen und den Bericht vom heutigen Tag schreiben.

 

Im Baltikum, Finnland und Norwegen, gab es hingegen jeden Tag etwas Neues zu erleben. Entweder hat mich die Landschaft umgehauen oder ich habe etwas Neues ausprobiert… . Mittlerweile hat sich diese Flut an neuen Erfahrungen so drastisch vermindert, dass ich tagsüber quasi nur versuche, so schnell wie möglich zu meinem abendlichen Zeltplatz zu gelangen. 

 

Schweden ist ohne Frage ein unheimlich schönes Land und hat vieles zu bieten, aber nach all dem, was ich erlebt habe, eben nichts mehr wirklich ganz Neues. Es erinnert mich zu sehr an Deutschland.  Jeden Tag komme ich mittlerweile durch immer größer werdende Städte. 

Das gleiche spiegelt sich auch in meiner Gedankenwelt wider. Wahrscheinlich ist dies sogar noch belastender, als die ausbleibenden neuen Erlebnisse. Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Nach einer so langen Zeit alleine, hatte ich so viel Zeit über Diverses nachzudenken, dass ich vorerst nicht mehr weiter komme. Es ist an der Zeit meine Entschlüsse und Gedanken in der Realität anzuwenden. Auf dieser Reise fehlen mir dazu jedoch leider die Ressourcen, die Zeit und einige beständige Locations. So viel Tatendrang, der nicht ausgelebt werden kann, schlägt auf das Gemüt. So gerne würde ich loslegen. Da dies jedoch nicht geht, verschließe ich mich vor dem Jetzt. In immer wieder gleichen Gedanken plane ich die Umsetzung von dem ein oder anderen. 

Es wird auch unbedingt Zeit, mich mit anderen auszutauschen, mal wieder alles von der Seele zu reden und in geregelten Verhältnissen anzukommen. So viele wirre Gedanken schwirren in meinem Kopf umher. Ich brauche Zeit, meine ganzen Erfahrungen in Ruhe zu verarbeiten. 

 

Da immer der letzte Eindruck bleibt, macht mir dies noch mehr zu schaffen. Ich möchte diese Reise in gutem Gedächtnis behalten. Im Moment spiele ich sogar mit dem Gedanken, den letzten, deutschen Teil zu überspringen, da es in Deutschland wohl überhaupt keine wirkliche Herausforderung für mich geben wird. Hmmm..., mal sehen, wie das noch ausgeht.

In Stockholm kommt nun noch ein Freund für ein paar Tage hinzu. Das wird dann sicherlich auch noch einmal einen Einfluss haben. 

Schauen wir mal.

 

Erkenntnis

16. Sep

Tagesetappe: Hassela - Vallsta

Tagesdistanz: 92 km

 

17. Sep

Tagesetappe: Vallsta - Ockelbo

Tagesdistanz: 104 km

 

 

Schweden: 96% Wälder, ein paar Seen und dazwischen die goldigen roten Häuschen. Das Wetter hat sich zum Glück gebessert. Es regnet zumindest nun nicht mehr. 

Beständig fahre ich meine ca. 100 km am Tag und genieße die schönen Ausblicke am abendlichen Schlafplatz. Die Situation der befahrbaren Straßen ist ab Sundsvall drastisch besser geworden. Immer über das Land, geht es zwischen Kuhweiden und Bäumen Richtung Uppsala. 

Gegen Abend lässt sich wieder ohne Probleme ein wunderbarer Ort am See finden. Vorteil daran, man hat immer Wasser und muss dieses nicht lästig mitschleppen.

 

Auf einer alten, hölzernen Bank, die auf einen gigantischen See gerichtet ist, verlassen zwischen Kuhweide und Bootsanleger steht, habe ich seit langem den wohl einprägendsten Abend. Die Sonne verschmilzt gerade mit den schillernden, sachten Wellen, die vergeblich an den Felsbrocken am Ufer zerschellen, als mir klar wird, wie wenig ich in der vergangen Zeit doch wirklich alleine war.

Es mag komisch klingen, aber wann hatte ich wirklich Zeit, einfach mal nichts zu tun? Oder vielmehr, wann habe ich mir die Zeit genommen? 

Oft habe ich die perfekten Momente, besser könnte es nicht sein. Doch genau dann versuche ich, Bilder davon zu schießen, um ihn für immer festzuhalten. Ich muss noch einen Bericht schreiben und bin eigentlich sowieso viel zu müde. 

An diesem See wurde mir plötzlich klar, ich muss alles einmal dort liegen lassen wo es stand, sein lassen, wie es war und vor allem die Ansprüche meiner Gedanken, den Moment festzuhalten, verwerfen. 

Es wurden Stunden daraus, Stunden in denen ich, in meinen Schlafsack eingemummelt, auf der alten Bank saß und einfach den Anblick genoss. 

 

Und ich hatte gedacht, ich genieße die Momente. Doch in Gedanken war ich immer schon einen Schritt weiter. 

Zelt und Co.

 

Tagesetappe: Sundsvall - Hassela

Tagesdistanz: 40 km 

 

Fast jede Nacht baue ich mein Zelt auf und blase meine Isomatte auf. Jetzt möchte ich einmal hier meine Erfahrungen rund ums Wildcampen teilen. 

Man unterscheidet zwei Arten von Zelten. Das Tunnelzelt ist sehr windstabil, kann aber dafür nicht frei stehen (muss mit Heringen im Boden fixiert werden). Beim Kuppelzelt ist dies genau andersherum. 

Meine Wahl fiel im Vorhinein auf ein Einpersonen-Zelt von Nordisk. Das Modell „Svalbard“ bietet eine robuste Qualität und Windstabilität bis zu …   bei geringem Gewicht(…). Das waren auch die Kategorien, nach denen ich ausgewählt habe. Was ich jedoch ein wenig vernachlässigt habe, ist der eigene Komfort. Ein Einpersonen-Zelt auf einer solch langen Reise ist einfach zu klein. Wenn es so richtig schüttet und man darauf angewiesen ist, sich im Zelt umzuziehen, wird dies zu einem richtigen Abenteuer und Zeitaufwand. 

Auf der anderen Seite musste ich heute feststellen, das gerade ein kleines Zelt auch ungemeine Vorteile hat. Man findet an den schönsten Orten immer ein Plätzchen fürs Zelt. Direkt am See zwischen den Felsen, da zählt jeder Zentimeter. 

Zum Schutz des Zeltbodens empfehle ich eine Plane, die auf unebenen Waldböden mit Steinen vor Löchern schützt. Es hat sich auf jeden Fall schon ausbezahlt. 

Ob aufblasbare Isomatte oder Schaumstoffmatte, beides hat seine Vorteile. Wer gerne abends am Feuer sitzt, fährt mit einer Schaumstoffisomatte besser, da ihr bei Löchern nicht die Luft ausgeht. 

Meine Wahl fiel jedoch auf eine aufblasbare Isomatte „…“, da diese mehr Komfort bieten. Mit beigelegtem Reparaturset ist auch ein Loch schnell wieder luftdicht verschlossen. Die Mumienform spart Gewicht und Platz im Zelt, daher äußerst empfehlenswert. 

Damit es auch in kalten Nächten warm bleibt, sollte man bei der Anschaffung des Schlafsacks nicht sparen. Diesen Fehler habe ich gemacht und darf ihn jetzt bitter bereuen. Die Komforttemperatur sollte unter dem ausgesetzten Temperaturlimit liegen. Wenn man so richtig Geld in die Hand nimmt, bekommt man einen Schlafsack mit imprägnierten Daunen. Damit kann man jedes Regenwetter überstehen, da man abends mit nasser Kleidung einfach in den Schlafsack hüpfen kann. Durch die eigene Körperwärme trocknen diese schließlich mit der Zeit. Mit einem normalen Schlafsack sollte man dies allerdings nicht probieren. 

 

Zuletzt ist es noch empfehlenswert, einen dünnen Seiden- oder Wollschlafsack (Hüttenschlafsack) dabei zu haben, den man im eigentlichen Schlafsack trägt, damit dieser nicht mit Schweiß verdreckt, denn man sollte vermeiden Schlafsäcke zu waschen. Den Hüttenschlafsack kann man hingegen schnell in die Waschmaschine schmeißen. 

 

Die schlimmsten hundert Kilometer meiner Reise

 

Tagesetappe: Kramfors - Sundsvall

Tagesdistanz: 104 km

 

Irgendwann muss es einen ja einholen. Auf den ersten Kilometern rollt es noch halbwegs, doch schnell stelle ich fest, dass die nötige Kraft heute ausbleibt. Bereits nach kurzer Zeit bin ich so fertig, dass ich eine erst Pause als Stärkung benötige. Neu gestärkt, erhoffe ich mir, dass es nun richtig los gehen kann, doch kurz darauf setzen Magenkrämpfe und Schlappheit ein. Als würde mein Magen sich in zwei Teile reißen wollen, durchfährt mich schubweise ein gellender Schmerz. Der steinige, mit Schlaglöchern übersäte Weg bringt das ganze Erlebnis so richtig in Schwung. Die Erschütterungen machen es noch viel schlimmer. Doch ich stehe felsenfest hinter meinem Ziel, Sundsvall am Abend zu erreichen. Teilweise schaffe ich gerade einmal einen Kilometer bis ich wieder anhalten muss, da sich mein Bauch dermaßen krampft, so dass ich nicht mehr auf dem Rad sitzen kann. Regen ist eine Sache, aber das war eine ganz neue, eine noch viel schlimmere Erfahrung, denn man weiß nicht, wie es weitergehen mag, bzw. was überhaupt sinnvoll für einen selbst ist. Ich fahre einfach weiter. Hier im Nirgendwo scheint es mit den Schmerzen doch auch nicht wirklich sinnvoll zu sein, wer weiß was noch so kommen mag. Daher beschließe ich eisern weiterzukämpfen.

In Sundsvall treffe ich schließlich, nach ewiger Tortour, ein. Auf dem Weg zu meinem Host besorge ich noch schnell ein neues Fahrradschloss, und kaum zu glauben, aber die Krämpfe lassen wieder nach. Es geht mir schon so gut, dass ich einem Eis nicht widerstehen kann. Etwas erleichtert, dass die Krämpfe wohl nicht zum Dauerbrenner werden, und was Schlimmeres dahinter stecken könnte, mache ich mich auf die Suche zu meinem heutigen Host, einem 31-jährigen Inder, namens Prashant. Er studiert Foto-Journalismus und lebt in einer WG.

 

Bei der kulinarischen Reise nach Indien geht es meinem Magen tatsächlich noch viel besser. Es ist glücklicherweise wieder alles okay. Warum, wieso, weshalb?... frage ich mich jetzt gar nicht mehr, sondern  vertiefe mich lieber in die spannenden Gespräche mit Prashant.

 

Bless the lord

Tagesetappe: Nordmaling - Örnsköldsvik - Kramfors

Tagesdistanz: 147 km 

 

So schnell kann es gehen. Am Morgen liege ich noch frustriert im Zelt. Es regnet schon wieder. Dieses Mal sogar mit zeitweise lautem Donnern. Bei der ersten Regenunterbrechung ergreife ich die Initiative, schwinge mich auf und baue das Zelt so schnell ab wie es nur geht. Binnen einer Stunde auf dem Rad reißt der Himmel, zu meiner größten Überraschung, schließlich völlig auf und die Sonne kommt zum Vorschein. Mit der Zeit verschwinden die Wolken immer mehr und die Landschaft wird dadurch mit einem Mal wieder viel schöner. Weite Seen, Berge mit Skihängen, und belebte Täler zeigen sich in all ihrem Charme. Ich fahre und fahre den ganzen Tag lang.

 

Das gute Wetter muss genutzt werden, weshalb ich meine Stirnleuchte zu später Stunde auspacke und noch bis spät in die Nacht weiter fahre. Im Dunkeln zu fahren ist noch einmal eine ganz andere Erfahrung. Der Hör-Sinn gewinnt an Stärke, doch die Sicht schmälert sich dafür maximal. Die wirklich supertolle Stirnlampe, die ich von Ledlenser bekommen habe, erweist mir in dieser Zeit supertolle Dienste.

Ganz alleine fahre ich über Stock und Stein immer tiefer durch den Wald und versuche, so vielen Schlaglöchern wie möglich auszuweichen. Leider klappt es nicht immer. Beim endgültigen Tagesstopp muss ich zu meinem Entsetzten feststellen, dass bei meiner nächtlichen Fahrt mein Faltschloss verloren gegangen ist (leider hat es sich vermutlich durch die vielen Schlaglöcher unbemerkt aus meinem Anhänger davongemacht). So ein Mist!

Ohne Schloss bin ich so gut wie aufgeschmissen. Damit entfällt mir die Möglichkeit, in den Supermarkt zu gehen, um Essen zu kaufen. Diese Situation macht mal wieder klar, wie wichtig jeder einzelne Gegenstand auf meiner Reise ist. Auf fast nichts kann ich verzichten. Ohne Toilettenpapier, Löffel oder Stirnlampe… wäre ich einfach aufgeschmissen.  Selbst die kleinen Dinge haben einen so großen Stellenwert. 

Und dies gepaart mit der Tatsache, dass ich alles, was ich zum Leben derzeit benötige, auf einem Anhänger mit mir führe, der nicht sonderlich geräumig ist. 

 

Dennoch stelle ich immer wieder fest, wie wenig wir eigentlich benötigen und wie schön es doch ist, den kleinen Dingen einen so großen Wert zuzuschreiben. Wir könnten mit so viel weniger auch sehr glücklich, oder vielleicht sogar noch glücklicher, sein. 

 

Nun ja, morgen muss ich mir dann wohl doch, zu meinem sicheren Glück, dringend ein gutes / sicheres Fahrradschloss besorgen, denn mein zweites mitgeführtes leichteres Schloss dient eigentlich nur um meine Habseligkeiten zeitweise fest auf dem Anhänger zu sichern. 

Mein morgiges Ziel ist Sundsvall, mal wieder eine größere Kleinstadt, so dass ich da sicher mit einem Fahrradschloss fündig werde. 

 

Gestärkt habe ich mich nach der heutigen Tour mit einer selbst gemachten Chili Con Carne.

Die Route macht Probleme

Tagesetappe: Umea - Nordmaling

Tagesdistanz: 94 km

 

Der Regen fällt. Ich sitze, vom Rest der Welt verlassen, in einer kleinen überdachten Bushaltestelle und fülle mein Energiedepot (was ziemlich weit unten ist) mit ein paar Äpfeln wieder auf. Die Stimmung liegt blank. Der Regen plätschert auf das Blechdach, ein lautes Tosen. Mitten im Nirgendwo.

 

Am Morgen habe ich ein letztes Mal (vorerst, vielleicht komme ich ja wieder) das wirklich schöne Umea durchkreuzt und befinde mich nun
30 km weiter, wie gesagt,  irgendwo im Nirgendwo.

Ich weiss nicht, wie es weitergehen soll. Auf meiner Landkarte ergibt sich mir keine ersichtliche Route. Nur die Autobahn E4 verläuft in die gewünschte Richtung. Der ganze Straßenrest ist ortogonal zu dieser angeordnet. Wieso kann es nicht einfach eine Straße für langsamere Vehikel in Richtung Süden geben?

Von dem im Internet versprochenen Radweg endlang der baltischen Küste ist zudem auch nur sehr sporadisch etwas zu sehen. Er ist wirklich sehr schlecht ausgeschildert. 

 

Kurz davor die Autobahn zu nehmen, was ohne Seitenstreifen die Hölle ist, kann ich dann doch noch, durch ein paar geänderte Einstellungen, mit Hilfe meines Fahrradnavis eine Route in Richtung Sundsvall finden.

Von Umea nach Sundsvall sind es über die Autobahn, also der direkte Weg, 250km. Da ich aber mehr oder weniger Zick-Zack fahre, muss ich sogar 350 km für dieselbe Strecke fahren und das Ganze teilweise über Waldwege, die seit Jahren nicht befahren wurden und deswegen fast unbefahrbar sind. Was wiederum heißt, dass man nicht einmal Geschwindigkeit aufnehmen kann. Dafür bleibt mir immerhin das ewige Gehupe und die Angst, auf der E4 überfahren zu werden, erspart. 

Ursprünglich war ich der Ansicht, dass man ein Fahrradnavi nicht wirklich benötigt, da es ohne dessen Navigation ein viel größeres Erlebnis sein könnte. Hier in Schweden bin ich ein wenig anderer Meinung. Ohne geht es fast gar nicht. Google Maps gibt mir eine Route über die Autobahn und die Papierkarte versagt komplett. 

Jedenfalls finde ich am Abend eine schöne Wiese und zugleich spaltet sich der Himmel und die Sonne schaut zumindest einmal vorbei. Somit ist die Tagesstimmung wieder gerettet.

 

 

Mit den viel gefürchteten Mücken hatte ich auf dieser Reise bis jetzt noch überhaupt kein Problem. Ein, zwei  Abende wurde ich ein wenig befallen, aber dass ließ sich vermeiden, indem ich in mein Zelt geflohen bin. Generell soll es dieses Jahr nur eine sehr geringe Population dieser nervenden Flugbiester geben, weil der Sommer erst sehr spät einsetzte, bzw. nicht wirklich da war. Hier in Schweden kann man sich hingegen schon mit mehr Mücken rumschlagen. Aber alles in einem passablen Rahmen. Vor allem, weil man tagsüber auf dem Rad zum Glück überhaupt nicht angefallen wird. 

 

Die künstlerischste Stadt der Welt

Tagesetappe: Stadtbesichtigung Umea

 

Umea, das Paradies für Kreative.

Einen derartigen Eindruck hinterlässt die Stadt bereits auf den ersten Blick. Der riesige Kunst-Campus belebt die Stadt und unterstreicht diese. Kunstwerke, Statuen und faszinierende Dinge stehen an vielen Stellen.
Dass es sich bei dieser Stadt um eine Studentenstadt handelt, ist schwer zu übersehen. Überall fahren junge Leute mit Fahrrädern, sitzen in Cafés und schlendern durch die Innenstadt. Ich fühle mich hier direkt wohl.

 

Apropos Innenstadt, durch ein Feuer im 19. Jahrhundert wurde Umea komplett niedergebrannt, weshalb es nur ausschließlich neuere Gebäude gibt. Die Städteplaner haben aber auch nicht in den letzten Jahrzehnten geschlafen. Die Stadtbibliothek z.B. befindet sich in einem beeindruckenden Neubau direkt am Fluss. 

Wenn man so durch die Gassen wandelt, kann man gar nicht genug von der lebendigen Atmosphäre bekommen. Wie ich erfahren habe, sind einige internationale Studenten in die „Öffentlichkeitsarbeit“ der Stadt mit eingebunden. Das merkt man. Diese Stadt lebt. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall.

 

Neben dem Stadtbesuch bin ich heute mit Kochen dran. Dafür, dass mein Gastgeber gestern die Pizza gemacht hat, mache ich heute einen Salat und etwas typisch Deutsches, „Quarkküchle“ (na ja, zumindest bei uns zuhause).  

Quark, Mehl, Eier, Haferflocken, Zucker und mein erster Versuch, diese Speise anzurichten glückt wunderbar; zu meiner Überraschung.


Mit unangefochten guter Laune schiebe ich grinsend die leckeren Happen mit Eis und Apfelmus in meinen Mund. Mmmmm! 

Durch die Quarkküchle, die ja nur eine kleinen geschmacklichen Eindruck geben, lässt sich Francesco schnell für die deutsche Küche begeistern.
Nach netter Unterhaltung und gut gestärkt, falle ich zu später Stunde in wohliger Wärme glücklich in Tiefschlaf.

Go hard or go home

10. September 2017:

Tagesetappe: Burträsk - Umeå 

Tagesdistanz: 106 km

 

09. September 2017:

Tagesetappe: Österjörn - Burträsk

Tagesdistanz: 101 km

 

Was es heißt, Grenzen zu überschreiten, das habe ich auf dieser Tour allemal gelernt. Es regnet und regnet wieder. Das Grau am Himmel will sich einfach nicht vom Fleck bewegen. Ein tosender Lärm weckt mich auf. Dicke Tropfen trommeln nur so auf mein Zelt ein. Und bei diesem Wetter soll ich mich aus dem Schlafsack bewegen, und mir freiwillig den Regen ins Gesicht blasen lassen???

 

Eine Sache steht fest: Das nächste Mal nehme ich definitiv ein größeres Zelt mit. Mein Einpersonen-Zelt ist an Regentagen wie eine Besenkammer: klein, voll mit allen Reiseutensilien und so gut wie kein Platz, um mich darin zu bewegen. In dem ganzen Schlamassel sich dann auch noch anziehen und die nötige Motivation, den Schritt nach draußen zu wagen, um dann das Zelt im Regen abzubauen, benötigt einiges an Willen, den ich mir zuvor erst durch ein ausgedehntes Frühstück anfuttern muss. Mein Fazit: wenn ihr euch auf eine solche Tour (über mehrere Wochen / Monate) machen wollt, nehmt definitiv ein Zelt, welches für eine weitere Person konzipiert ist. 

 

Gegen den Regen habe ich mittlerweile einige kleine Tricks auf Lager, so dass ich nicht ganz unbewaffnet in den Kampf ziehe.
Mehrweg-Küchenhandschuhe sind unvermeidbar, damit die Hände trocken bleiben. Plastiktüten über die Schuhe,  Regenhose und einen Plastik-Regenponcho (eine dieser billigen Einwegregenjacken). Wie heißt es so schön: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Fürs erste bin ich also für den nächsten Regen gewappnet. In diesem Sinne geht es für heute wieder los.

Doch schon bald wird der Regen förmlich durch die Haut gedrückt. Es plätschert, als hätten die Wolken ihren Wasserhahn voll aufgedreht. Ungefähr so, wie wenn man im Auto sitzt und der Regen so richtig anfängt zu nerven, weil gefühlt gleich der Scheibenwischer abfliegt, man aber trotzdem noch nicht richtig sieht. 

Eine spannende Erfahrung. Irgendwann, ist mein Körper nur noch eine Hülle. Den Schmerz der Kälte nehme ich nicht mehr wahr und die Nässe ist nur noch Nebensache. Alles spielt sich in meinem Kopf ab, ich lebe in meiner Gedankenwelt. Mein Geist und mein Körper zwei von einander getrennte Mechanismen. Die Beine treten einfach. 

 

Am Abend des zweiten Tages finde ich schließlich meine Ruhe bei einem weiteren Host in Umea. Es ist auch oberste Eisenbahn, da wieder mal so gut wie fast alles durchnässt ist. Bei selbst gebackener Pizza, von einem echten Italiener (Francesco, mein heutiger Host, kommt aus der Toskana, lebt aber schon seit Jahren in Schweden), und netten Gesprächen nimmt dieser herausfordernde Tag ein leckeres Ende. 

 

Das Spiel mit dem Regen beginnt

Tagesetappe: Storsund - Österjörn

Tagesdistanz: 88 km

 

Mit dem Internet in Schweden ist es nahezu eine Katastrophe. Meine gestern gekaufte 1. Prepaid-Karte, für fast 10€, war in weniger als 10 Minuten leer. Hier W-Lan zu finden, ist auch nicht so einfach, und schon gar nicht bei dem Regenwetter, das nun bereits eingesetzt hat.

 

Heute weckt mich zur Abwechslung mal nicht die Kälte mitten in der Nacht. Ein immer wiederkehrendes Rascheln zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Um dem Ganzen auf den Grund zu gehen, öffne ich schlaftrunken das Zelt. Einen Meter vor meiner Nase blickt mir ein irritierter Fuchs in die Augen. Für zehn Sekunden schauen wir uns beide an. Einer irritierter als der andere. Als der kleine Waldbewohner schließlich realisiert, dass es bei mir nichts zu holen gibt, macht er sich auf und davon. Was für eine Überraschung. Hier in Schweden kommt es mir so vor, als wäre die Natur viel lebendiger. Zum ersten Mal sehe ich eine Vielfalt an Vögeln, Adler und heute Nacht diesen Fuchs. Zudem merkt man, dass die Jahreszeit umschlägt. Die Bäume strotzen nicht mehr in ihrem saftigen Grün. Die Blätter hängen gelb und müde an den Zweigen und warten darauf abzufallen. 

Das Wetter will bei diesem Jahreszeitenwechsel natürlich auch mitreden, weshalb ich heute einen ununterbrochenen Regentag ertragen darf. Dasselbe Spiel wie bereits in Nordfinnland. Kälte, Nässe, Wind. Eine Kombination, die einem den Saft aus den Muskeln zieht. 

Zu Mittag finde ich schließlich völlig durchnässt in einem Jagdunterstand Zuflucht. Eine Kiste voll bis oben hin mit leer geschossener Munition bezeugt, dass das Wildleben hier oben sehr rege sein muss.

 

Auf einem Campingplatz in Österjörn erhalte ich anstelle des bezahlten Zeltplatzes wegen der Kälte und Nässe ein kostenloses Upgrade für einen Schlafplatz in einem Holzhäuschen mit Heizung und Fernseher. Diese Situation genieße ich nun, und schaue mal, was die Flimmerkiste hergibt.

 

Internetprobleme und Akkus schwach

 

Tagesetappe: Kalix - Storsund

Tagesdistanz: 156 km

 

Mittlerweile befinde ich mich in Luleå. Nach etlichen, schrecklichen Kilometern auf der schwedischen Autobahn E4 geht es jetzt mit neuer Landkarte, die mir hoffentlich bessere Wege weist, weiter in Richtung Süden. 

Ein kalter Wind zieht auf, das merkt man schon heute, aber so richtig hart wird es wohl in den nächsten Tagen. Aus dem Gespräch mit zwei Einheimischen stellte sich heraus, dass es die kommende Woche ununterbrochen regnen soll. Da hilft nichts, außer, die wenig verbleibenden trockenen Stunden fahrend zu verbringen.

Schweden, ich komme

 

Tagesetappe: Erkinpää - Kalix

Tagesdistanz: 103 km

 

Tiefe Nebelschwaden hängen über dem spiegelglatten See. Die Sicht reicht gerade einmal 30 Meter weit. Mit müder Miene (habe schlecht geschlafen, weil mein Schlafsack jetzt endgültig nicht mehr genügend aufheizen kann, es war eiskalt) rolle ich behände in Richtung Grenze.

 

Nichts als Weiß umhüllt mich, rechts, links, vorne, hinten und oben. 

 

Über die Grenze geht es als nächstes Groß-Etappenziel in Richtung Umea. 

 

Am Abend finde ich einen wunderschönen Platz am Fluss Kalixälven, kurz nach der kleinen Stadt Kalix. Der Himmel strahlt und die Sonne verschwindet langsam hinter dem gegenüberliegenden Ufer.     

Meine eigene Sauna

 

Tagesetappe: Kaitajärvi - Erkinpää

Tagesdistanz: 45 km

 

Unsere Wege trennen sich nun heute wieder. Zum letzten Mal frühstücke ich mit Philipp und Niklas. Ein wahres Festessen! Es wird alles aufgetürmt was geht, dauert ewig, ein paar abschließende Fotos, Glückwünsche und schließlich dann der Abschied. Das Wohnmobil rollt, ich hinterher. Sie fahren nach links, ich nach rechts. 

 

Damit endet die schöne Zeit mit den beiden. Ich werde sie immer im Gedächtnis behalten, und hoffentlich wird es nicht der letzte Trip mit deren Wohnmobil. - Danke Niklas, danke Philipp -

 

Die Kilometer fliegen nur so dahin. In meinem Kopf drehen die Erfahrungen und Erlebnisse der letzten Tage. In der Sonne geht es Richtung schwedische Grenze. 

 

Bei meiner angedachten Mittagspause finde ich mich in einer Anlage am See wieder, die aus ein paar Hütten besteht. Klettergerüst, Grillstelle, Toilette und öffentliche Badestelle. Niemand weit und breit. Die Entscheidung fällt nicht schwer, weshalb ich ohne weiteres in einer der Hütten Quartier beziehe. Also heute doch noch nicht nach Schweden, ich bleibe an diesem bezaubernden Ort im schönen Finnland.

Da es das Glück auf eine Neues gut mit mir meint, findet sich in einer der Hütten eine holzbetriebene Sauna wieder. Wenn das nicht ein Geschenk ist! 

Das lass ich mir nicht zweimal sagen, und so glüht der Ofen wenig später. Ordentlich eingeheizt, einen Aufguss mit Seewasser nach dem anderen und der Schweiß perlt ohne Ende. Zwischendrin gibt es eine kurze Abkühlung im See und aufs Neue lasse ich den ganzen Dreck ausschwitzen. 

 

Wie kann ich nur so viel Glück haben? Meine Erwartungen an diese Reise waren wirklich hoch, aber Finnland hat sie bei weitem übertroffen. Ich war nicht einmal im Stande zu träumen, dass es so schön werden könnte. Die Landschaft haut mich Tag für Tag aus Neue um. Natürlich muss man dazu sagen, dass das Wetter im Moment sehr gut mitspielt.

 

Finnland, ein Land, das ich jedem nur empfehlen kann zu bereisen. Wenn man Abenteuer sucht, wird man dort auf jeden Fall fündig.  

 

Ein unvergesslicher Abend

Tagesetappe: Törmänen - Rovaniemi - Kaitajärvi

 

Tut das gut! Das erste Mal nach langer Zeit komme ich endlich wieder zum Lesen.

Radfahren, Zelt auf- und abbauen, Blog-Artikel schreiben, Route sondieren, kochen und der ganze Rest auf der Tour lassen einem nicht viel Zeit für sonstige Bedürfnisse, wie z.B. Lesen. 

Auf der Rückbank schmökere ich über die ein oder andere Seite, während Niklas und Philipp vorne die Kilometer bezwingen. Diese Auszeit, genau das habe ich gebraucht: Urlaub von meiner Reise. 

 

Ein Glückstreffer, dass mich dann auch noch die beiden, Philipp und Niklas, aufgegabelt haben. Mein Reifen platt, kein Fahrradladen weit und breit, so war es klar, dass ich erstmal nicht selbst mit dem Rad weiterfahren kann, und mich ein Stückchen chauffieren lassen musste / relaxen konnte.

Mit den Zweien habe ich zudem ununterbrochen Spaß. Wir lachen, diskutieren und genießen die Momente zusammen im äußersten Norden Europas. 

Gefühlt 90% der Zeit gehen für das Essen drauf, weil bei jedem Mahl spannende Gespräche entfachen, die einfach kein Ende finden. Zwei Freunde, die auf dem selben Weg wandeln, nach Abenteuer und Erfahrungen suchend, fahren sie mit der nötigen Spontanität dem Glück entgegen. 

 

Was für einprägende Tage. Um dem Ganzen noch ein Sahnehäubchen aufzusetzen, suchen wir am Abend eine Stelle für die Nacht direkt am See. 

Im Laufe des Tages konnte ich bei einem Zwischenstopp in Rovaniemi (da war ich ja vor ca. 2 Wochen schon mal, und hatte mir unter anderem eine neue Fahrradkette gekauft) nun auch noch einen neuen Mantel für meinen Anhänger erwerben.

 

Jetzt kann es also wieder los gehen. Auf dem Rad in Richtung Deutschland. 

 

Aber zurück zum unvergesslichen Abend. Der Platz war einfach perfekt. Ein Feuer ist schnell gemacht, und ab geht es ins eisige Wasser baden (vielmehr: so einmal ganz kurz rein und blitzschnell wieder raus).

 

Die Umgebung erweist sich als wahre Fundgrube. Eine alte Axt, ein Stahlrohr, einiges an Holz und gemeine Seemuscheln geben unserer Kreativität freien Lauf. Das Feuer wird immer größer und das Rohr Opfer erster Schmiedeversuche. Bei tief gehenden Gesprächen (die ich sehr vermisst habe) geht der Abend gemeinsam mit dem kleiner werdenden Feuer zu Ende. 

Die Wäsche will nicht trocknen

Tagesetappe: Utsjoki - Törmänen

 

Das mit dem Wäschewaschen war gestern so eine Sache. Abgesehen, dass sie immer noch völlig dreckig aus der Maschine kam, war auch noch der Trockner kaputt. Demnach blieb uns nichts anderes, als sie im Freien auf eine Wäscheleine zu hängen. Ohne Erfolg.

Im Morgennebel können wir nun die Wäsche gefühlt noch nässer wieder abhängen.

 

In Finnland sollte man auf jeden Fall darauf achten, ob die Trockenmöglichkeiten vielversprechend sind. Mit zwei vollgepackten Wäschekörben fahren wir von Campingplatz zu Campingplatz um die Textilien dort trocknen zu können. Schließlich landen wir in Inari, auf dem selben Campingplatz, auf dem ich ca. eine Woche vorher den deutschen Reiseradfahrer getroffen habe. 

 

Die Wartezeite der Wäschetrocknung nützen wir für eine kleine Runde auf einem verwaisten, leicht angerosteten, Mikro-Bike. Dieses scheint ideal für die Westentasche / Hosentasche zu sein, doch leider wohl nicht für mehr als 100 m brauchbar. In diesem Sinne genießen wir den Spass, und lassen das Fahrrad an Ort und Stelle in lustiger Erinnerung zurück.

 

Stunden später rollen wir noch ein paar Kilometer weiter, doch das Trocknen hat zu viel Zeit gekostet um heute weit zu kommen.

Einfach mal Kind sein

 

Tagesetappe: Silfar Canyon - Utsjoki

 

Auf eine Neues den Silfar Canyon besichtigen, Blaubeeren für Marmelade sammeln, frühstücken und in einem geheizten Wohnwagen fahren. Was für ein Luxus nach all der Nässe und Kälte!

In den letzten Tagen war es aber vor allem eines, was ich richtig genießen konnte: mal wieder richtig Kind zu sein. Ist es nicht das, wonach wir uns so oft sehnen, den Vorhang der Gesellschaft abzulegen und einfach frei heraus das zu tun, was einem in diesem Moment vorschwebt. Einfach drauf los Steinmännchen bauen, Steine die Klippen herunter ins Wasser werfen und Stein-Tontauben-Werfen. 

Es kann so einfach sein, glücklich zu sein, wenn es allein ein paar Steine schaffen. Wir machen so vieles nicht mehr, weil es als kindisch gilt und nicht alterskonform ist. Warum?

 

Es ist so befreiend einfach genau das zu tun. Sich fallen lassen und Spaß haben. Wieso also die Fassung wahren, ernst bleiben und die Chance nicht nutzen? Wieso den Stein regungslos auf dem Boden liegen lassen? 

 

 

Leider ist es mir / uns nicht wirklich gelungen tolle Fotos von den Nordlichtern einzufangen. Beeindruckend war es dennoch.

Super schöne Fotos zu den Nordlichtern kann man hingegen auf der Homepage des Fotografen, den wir vor 2 Tagen am Nordkap getroffen haben, bestaunen; http://www.norwegenfotograf.de/galleries/nordlicht.

 

Eine schwere Entscheidung

 

Tagesetappe: Nordkap - Silfar Canyon

 

 Nach wie vor ist der Mantel meines Anhängers platt. Ich brauche definitiv einen neuen. Doch weit und breit gibt es keinen Laden, der entsprechendes, noch ähnliches, zu erwerben bietet. Kein Fahrradladen /-werkstatt mindestens im Umkreis von mehr als 200 km. Was für ein Mist!

Aus der Idee, einen neuen Mantel über einen norwegischen Versandhandel zu bestellen und in die Nähe (z.B. an eine Poststelle) senden zu lassen, wurde leider auch nichts. Für Ausländer ist es quasi unmöglich, sich auf solch einem Portal anzumelden. Deutsche Händler liefern schon mal nicht nach Norwegen, und von zuhause schicken lassen scheitert eigentlich auch. Der Expressversand kostet ca. 90 €, und wer weiß ob es dieses Mal bis hoch in den Norden besser / schneller klappt wie nach Riga. Der Brief, den meine Eltern mir in wenigen Tagen nach Riga schicken wollten, ist mit fast einer einmonatigen Verspätung, tatsächlich am 18. August in Riga eingetroffen. Zu dieser Zeit war ich dann allerdings schon in der Mitte Finnlands, in Oulu, angelangt. Also auch diese Prozedur nicht nochmal.

 

Kurzum blieben mir heute Morgen zwei Möglichkeiten. Entweder die zwei Freunde (Niklas und Philipp) mit ihrem Campingwagen nehmen mich bis zu einem Couchsurfing Host in Lakselv mit, um dort für ein paar Tage zu bleiben und die Ware über meinen dortigen Gastgeber zu bestellen, oder ich fahre mit ihnen ein Stückchen weiter bis nach Rovaniemi. Dort gibt es mindestens drei Fahrradläden, mit der Wahrscheinlichkeit, dass sie einen passenden Reifen haben. Großer Nachteil daran, dass ich gegen meine Prinzipien der Reise handeln müsste, und ein langen Teil der Strecke via Auto zurücklegen würde. 

Diese Entscheidung macht es mir nicht leicht. Über mehrere Stunden bin ich am Hadern.

Die letzten Tage waren so schön mit den zwei anderen. Richtiger Urlaub, in guter Gesellschaft und mit tief gehenden Gesprächen, habe ich auf eine andere Weise viel gelernt, was durchaus dem Interesse meiner Tour entspricht. Doch eigentlich ist der Plan, alles mit dem Rad zurück zu legen. Was solls.

 

Letztendlich habe ich mich nun für Rovaniemi entschieden. Das scheint die hoffentlich schnellste und sicherste Lösung für einen neuen Mantel für mein Anhängerrad zu sein.  Noch länger auf einem Fleck zu sitzen, darauf habe ich einfach überhaupt keine Lust. Zudem habe ich ja schon so viel alleine erlebt, diese Erfahrungen mit anderen zu diskutieren, kann bestimmt auch einen großen Wert haben. Vor allem ist ja ein Ziel dieser Reise: absolute Freiheit erleben. Wieso also nicht mit auf den Camper aufspringen und einfach nur Spaß haben. 

 

So geht es ein zweites Mal die schönste aller Straßen, die Fv 98, entlang. Dieses Mal erlebe ich sie aber ganz anders, nicht weniger schön, aber eben aus einem anderen Blickwinkel. So schnell und ohne Anstrengung, so leicht und ohne Wind. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es mit dem Fahrrad doch irgendwie das schönere, tiefergehendere, Erlebnis war. 

 

Zu Bett geht es heute am Silfar Canyon, den ich bereits Tage zuvor ja schon besucht hatte. Da flammen schon fast heimatliche Gefühle in mir auf.

Endlich am Nordkap

 

Tagesetappe: Nordkap - Nordkap

 

Heute geht es final ans Nordkap. Das Touri-Nordkap. Glücklicherweise waren wir schon vor der Öffnungszeit da, und konnten uns somit den Eintritt von 27 Euro pro Person sparen. Wobei alle, die mit dem Rad oder zu Fuß kommen, auch umsonst reinkommen. Also muss ich schon mal kein schlechtes Gewissen haben. Die Besucherplattform ist rund um die Uhr begehbar. Es gibt keine Schranke, nur ein unbesetztes Kassenhäuschen außerhalb der Öffnungszeiten. 

In den Nordkap-Hallen findet man noch ein Museum über die Entdeckung des Nordkaps und dessen Geschichte. Die Ausstellung ist nicht der wahre Brüller, aber einmal durchlaufen und sich ein bisschen informieren lohnt sich auf jeden Fall. 

Das eigentliche Ziel der Begierde ist dann doch eher die Weltkugel, die auf einem Podest an der Klippe thront. 

 

Den heutigen und den nächsten Tag beschließen wir an Ort und Stelle zu bleiben, um die Nordlichter in der Nacht hoffentlich zu sehen. Doch daraus wurde leider nichts. Dennoch waren diese beiden Tage für mich wie eine Tankstelle, ich konnte meine Reserven mal wieder richtig auftanken. Bei viel Gelächter, Gemeinschaft und Brettspielen, gingen diese Tage wie im Flug vorbei. 

Das Nordkap ist erreicht, fast.

 

Tagesetappe: Kjollefjord - Honningsvag - Nordkap

 

Um 3.00 Uhr nachts sammelt mich das Hurtigruten-Schiff in Kjøllefjord auf. Es geht auf die Insel Magerøya, auf der sich das Nordkap befindet. Heute ist es also so weit. Um 5.30 Uhr laufen wir im kleinen Hafen von Honningsvag ein. 

Gegen 6.00 Uhr stehe ich schließlich vor dem Wohnwagen zweier Freunde, Philipp und Niklas, deren Tour sich lustigerweise mit meiner kreuzt. Mit Niklas war ich in der Mittelstufe in einer Klasse. Auf dem Abiball seiner Schule (ich habe als Kellner an diesem Abend dort gearbeitet) erfuhren wir von unseren gegenseitigen Touren und so kam es, dass mir um 6 Uhr die Tür geöffnet wird, und ich in das erste motorisierte Vierrad auf meiner Tour steige.  

sm durchgescheuerten Mantels meines Anhängers geht es für mich heute keinen Meter per Fahrrad weiter. Sicher verpackt geht es also mit all meinem Hab und Gut im Campingwagen in Richtung Nordkap (ca. 30 km). Ein unbeschreibliches Gefühl, mal wieder in einem Auto zu sitzen. Ohne Kraftaufwand die Berge hoch zu schweben und das mit einer ordentlichen Geschwindigkeit. 

 

Der Tag ist noch lange und deswegen entscheiden wir uns spontan, das echte Nordkap, den wirklich nördlichsten Punkt Europas, zu erwandern. Dieser nördlichste Punkt Europas auf dem Festland / Insel ist nämlich nicht dort, wo die Touristenströme hin pilgern, sondern ca.
4 km westlicher. Auf dem Schild heißt es bereits 9 km Laufweg. Diese Info kommt jedoch nicht bei uns an. Wir ziehen einfach ohne Verpflegung los, in dem Glauben, dass wir sowieso spätestens in zwei, drei Stunden zurück sein werden. Weit gefehlt. Der ganze Marsch dauerte alles in allem acht ein halb Stunden und von Gehen war zum Schluss fast keine Rede mehr. Total gebeutelt, alle drei.
Der Weg ist von Steinen nur so übersät, was das Laufen sehr anstrengend macht, da man jeden Schritt bewusst planen muss. Was aber noch ein viel größeres Problem ist, ist, dass der Weg teilweise eher einem See gleicht, durch den man durchhüpfen muss. Somit war es für uns unmöglich, auf dieser Wanderung trockene Schuhe zu behalten. 

Doch diese ganze Tortur hat sich dafür auch zehnfach gelohnt. Auf einen Bergkamm, der sich bis an den nördlichsten Punkt erstreckt, geklettert, können wir bei bester Aussicht in Träumen schwelgen. Der Ort hat eine unbeschreibliche Aura. Entgegen dem Besucherzentrum, hat man hier einen harten Marsch hinter sich, der einem ein ganz anderes Erlebnis bietet.

 

Ja, ich bin nach ca. 4300 km an meinem großen Ziel angelangt. Das Nordkap liegt mir zu Füßen. Ich bin schlichtweg fasziniert und geplättet von der einzigartigen rauen Natur. Der Wind tobt.


Wir stehen also tatsächlich am nördlichsten Punkt Europas, dem Nordkap.

 

Erlebnis für Erlebnis spielt sich vor meinem inneren Auge ab. Ein Zeitraffer des Geschehenen. Es hat viel mit mir gemacht. Es hat mein Leben verändert. Ich würde es immer wieder machen. Es ist der größte Erfolg meines bisherigen Lebens. 

 

Zum "Besucher-Nordkap" haben wir es heute nicht mehr geschafft, zu gebeutelt von den Strapazen falle ich nach ein paar Brettspielen komatös in den Schlaf. Fazit: Nicht nur Fahrradfahren macht fertig.    

Panne mitten im Nirgendwo

 

Tagesetappe: Kunes - Kjollefjord

Tagesdistanz: 136km

bewältigte Höhenmeter: ca. 1800 m

 

 

Voller Vorfreude springe ich lebendig und voller Tatendrang aus dem Schlafsack, um so schnell wie möglich mit der Sonne im Nacken, die Landschaft in mich aufzusaugen. Der gestrige Tag bleibt kein Einzelfall, und so offenbart sich auch heute Norwegen in seiner vollen Schönheit. Zum Frühsport zwingen mich während der ersten zwei Fahrstunden die ersten 500 Höhenmeter, aber für diese Aussicht gerne. 

Das Ganze findet seinen Höhepunkt, als ich an einer Aussichtsplattform, ca. 400 m über dem Meeresspiegel, stehe. Die Welt so klein, so unberührt. Kein Haus, kein Mensch, nichts. In beide Richtungen der Straße sind es bestimmt 60 km zum nächsten Ort. Auf dieses Gefühl hatte ich gewartet. Ich bin im Nirgendwo angekommen. 

Und natürlich in diesem Moment fällt mir auf, dass der Mantel meines Anhängers an einer Stelle komplett durchgescheuert ist. Der Schlauch bläht sich bereits ein wenig heraus. Eine winzige Scherbe würde reichen und die Luft wäre schneller raus, als ich anhalten könnte. Keine Chance. Natürlich muss es an dem verlassensten Ort meiner Reise passieren. Nach kurzer Verzweiflung gehe ich im Kopf die verschiedenen Möglichkeiten durch. Kein Handyempfang, ein paar Pflaster, Kabelbinder und Panzertape. Diese extreme Situation erforderte Kreativität. Mit ein paar „Trostpflastern“ aufgeklebt, hoffe ich nun Meter für Meter, Kilometer für Kilometer, dass die Luft nicht entweicht. Der Hänger hoppelt hinter mir her. Jedes Schlagloch ein Zucken durch den ganzen Körper. Was für eine Höllentour! Die Landschaft gerät völlig in den Hintergrund, wie schade. Eine Pause nach der nächsten, immer wieder kontrollieren, ob noch alles im Rahmen ist. 

Nach Anstiegen, die kein Ende fanden, komme ich schließlich dann doch ohne weitere Probleme in Kjøllefjord an.

Überglücklich, aber doch recht erschöpft von all der Aufregung, baue ich zu später Stunde mein Zelt ganz in der Nähe vom Fährhafen auf, Wecker auf kurz vor 2 Uhr stellen....

Mein Plan schaut so aus, dass ich die Fähre am nächsten Morgen (um drei Uhr) nach Honningsvåg nehme, um von dort weiter zum Nordkap vorzustoßen. 

 

Diese Route kann ich nur empfehlen. Man umgeht dadurch die beiden Tunnel zum Nordkap, die für Radfahrer extrem gefährlich sein sollen, da es keinen extra Streifen gibt und der längste Tunnel (7km) bis auf 300 Meter unter dem Meeresspiegel verläuft. Zudem vermeidet man, einen Teil der Stecke doppelt zu fahren und bekommt somit Norwegen noch einmal von einer ganz anderen Seite mit.  

Zu viele Erlebnisse für einen Tag

 

Tagesetappe: Karasjok - Kunes

Tagesdistanz: 143km

 

Heute wollte ich so richtig viel Strecke machen. Deswegen war mein Mountainbike schon gegen 8 Uhr gepackt und ich wenig später auf dem Rad. Aus dem „so richtig Strecke machen“ wurde nichts. Zu schön ist die Landschaft, zu oft habe ich angehalten um Bilder zu machen und den Moment zu genießen. Zwischen den bergigen Fjorden und dem finnischen Meer schlängelte sich die Schnellstraße 98 durch das hügelige, felsige Terrain. Für jeden, den es in den Norden verschlägt, ist dies, ein von mir aufgesetztes, Muss! 

Abwechslungsreicher geht es nicht. Von luftigen Küstenpassagen über weite Hochebenen bis zu malerischen Bergseen, diese Straße hat es in sich und bietet vielfältigste Eindrücke und Erlebnisse. Einfach nur schön. 

Doch diese ganze Pracht, hätte sich mir nicht ergeben, wenn ich nicht erneut auf meine Spontanität gebaut hätte. Erst in letzter Sekunde habe ich mich entschieden, den Rat des deutschen Radreisenden (von vor drei Tagen) zu befolgen. Meine spontane Wahl und der ambitionierte Kampf gegen die Höhenmeter wurden am Abend mit einem Platz zum Zelten an einem wunderschönen Bergsee belohnt. 

 

 

Das Internet hier in Norwegen ist leider für Ausländer quasi uneinnehmbar. Es gibt weder Prepaid-Simkarten an Kiosken, noch freies WLAN in den Orten. Was ein Mist. Da es hier oben auch keine Städte, sondern nur kleine Orte gibt, muss ich darauf warten, bis sich mir eine neue Möglichkeit ergibt.  

Endlich trocken

 

Tagesetappe: Kielajoki - Karasjok

Tagesdistanz: 96km

 

 Wow, was für ein Tag. In der Frühe, als ich gerade am Packen bin, kommt der Eigentümer des Campingplatzes zu mir in die Kota und schenkt mir kurzerhand seinen Regenponcho. Er muss anscheinend Mitleid gehabt haben, als er mich gestern durchnässt und am ganzen Körper zitternd gesehen hat. 

Ein Geschenk, welches für mich einen tatsächlich unheimlich großen Wert hat. Unter anderem wegen dieses Ponchos habe ich es heute auch endlich einmal geschafft, trocken bzw. warm zu bleiben. 

Jetzt wo es in Richtung Norwegen geht, verändert sich die Landschaft gewaltig. Am Wegesrand wachsen meist nur noch sehr kleine Bäume, die Straße geht auf und ab, und auf und ab, und am Horizont verschwinden die ersten Berge im Nebel. 

Körperlich ist der heutige Tag eine harte Nummer. Der Gegenwind macht es mir nicht leicht. Bergauf drückt mich der Wind dermaßen weg, dass ich nur sehr langsam vorankomme. Den Berg herunter genau dasselbe Spiel. Ohne Treten komme ich nicht vom Fleck. Diese Tortur, diese Dauerbelastung bringt meine Knie ganz schön an ihre Grenzen. Dafür ist die Natur ein reiner Augenschmaus: siehe Fotos. 

 

Immerhin schaffe ich es heute, während des Regens meine Kleidung so zu wählen, dass ich am Abend halbwegs trocken mein Zelt direkt neben der Straße an einem wunderschönen Ort aufbauen kann. 

Im Anschluss 2 Fotos zum heutigen und gestrigen Zeitungsartikel aus dem Wiesbadener Kurier bezüglich meiner Reise, die mich per Mail von zuhause erreicht haben:

Ein neuer Versuch

Tagesetappe: Inari - Aksujärvi

Tagesdistanz: 55,55 km

 

 

Nach etlichen Tagen habe ich heute mal wieder richtig ausgeschlafen. In den letzten Tagen klingelte wie üblich der Wecker gegen sechs Uhr, und um kurz nach sieben saß ich auf dem Sattel. Diesen Zwang möchte ich versuchen nun abzulegen. Ich sehne mich nach der Freiheit, von allen Zwängen entkettet zu werden, so auch von meinem Ego, das mir sagt, dass ich früh losfahren soll, damit ich mehr vom Tag habe. 

Die kalten Regentage verlangen merklich mehr Energie von einem. Das macht sich im Schlafbedarf und Hunger deutlich bemerkbar. 

Es regnet den ganzen Tag. Das Spiel mit dem Regen beginnt. Heute gehe ich mit einer anderen Strategie an die Sache heran. Absichtlich ziehe ich keine Regenhose und Regenjacke an. Das heißt zwar, dass ich nach wenigen Stunden durchnässt bin, ich aber dann die Kälte durch anziehen der restlichen Klamotten regulieren kann. Hätte ich von Beginn an alles angezogen, wäre die Nässe zwar nicht von außen an mich heran gekommen, dafür hätte ich aber so geschwitzt, dass der Effekt derselbe gewesen wäre, nur dass ich nun keine Sachen mehr zum überziehen hätte. Vorerst ist diese Strategie ganz gut, bis meine Füße ebenfalls durchnässt sind. Das darf nicht passieren. Viel zu spät habe ich mir die Schuhe mit Frischhaltefolie umwickelt, was dann leider auch nichts mehr gebracht hat. 

Da die Straßenverhältnisse miserabel sind, komme ich zudem nur sehr langsam voran. Gegen Abend, meiner ersten Pause nach 55 km, kühle ich schließlich vollends aus. Mit nassen Füßen weiter fahren macht für mich keinen Sinn. Außerdem spüre ich meine Finger schon nicht mehr und alles klebt nur so an meinem Körper. 

Auf Grund dessen entschließe ich mich, erneut den Schutz eines Campingplatzes zu suchen. 

Da es außer mir keine anderen Camper gibt, darf ich sogar in einer kleinen Kota übernachten. 

 

Morgen werde ich meine Strategie ein wenig verfeinern, damit ich endlich wieder wildcampen kann. Mal sehen ob ich Fortschritte mache.  

Was für ein sch*** Wetter

Tagesetappe: Vuotso - Inari

Tagesdistanz: 110 km

 

Die Sonne sieht man den ganzen Tag über nicht, kein einziger Strahl bricht durch die dichte Wolkenfestung am Himmel. Grau nur grau.

Die Landschaft hingegen könnte nicht schöner sein. Hügel und Täler, die sich zwischen den Seen entlang schlängeln. Rentiere, die verlegen über die Straße hoppeln und Steppen mit wenig verbliebenen Bäumen. 

Leider kommt diese Erhabenheit unter den meteorologischen Verhältnissen nicht voll zur Geltung. Anstatt dessen verschwindet diese Schönheit im Nebel und wartet auf bessere Zeiten. 

Es tröpfelt hier, mal dort. Noch nichts Weltbewegendes, weshalb ich glücklicherweise den Tag über trocken bleibe. Nur die Kälte frisst an der eigenen Kondition. Bei jedem Halt dauert es nicht lange und das Kalt nagt an der ganzen, äußeren Schale. 

Es ist keine Besserung in Sicht, so entschließe ich mich bereits nach zwei Tagen, erneut auf dem Campingplatz einzuziehen. Diese Wahl stellt sich als fundamental richtig heraus, da es den ganzen Abend und die komplette Nacht durch regnet. 

Bis um zwei Uhr nachts sitze ich also, froh diese Entscheidung getroffen zu haben, mit einem andere deutschen Radfahrer in der Küche und lausche gefesselt seinen Geschichten.

Er fährt schon seit Juli in Skandinavien und hatte nur Pech mit dem Wetter. Seit ca. 20 Fahrtagen am Stück ist er heute das erste mal wieder auf einem Campingplatz. Was er von den Orten erzählt hat, die ich noch erschließen werde, war fast ein wenig beängstigend. Es wird auf jeden Fall nicht leicht und zu recht die größte Herausforderung meines Lebens. Sturmböen, noch mehr Kälte, Anstiege, die einem die Lunge förmlich ausreißen, kein Essen und vor allem kalter Regen. 

 

Der Wetterbericht will mich leider auch nicht beglückwünschen. Es wird regnen, die nächsten Tage, ununterbrochen, Tag für Tag. Meine Grenzen werden immer weiter ausgedehnt. Das Jetzt wird ein Kampf, aber der Rückblick auf diese Zeit wird dafür umso intensiver und ich werde in den Kampf ziehen, Tag für Tag, Minute für Minute, Sekunde für Sekunde, bis das Übel ein Ende hat. 

Der Norden macht sich bemerkbar

Tagesetappe: Sodankylä - Vuotso

Tagesdistanz: 109 km

 

Eine eisige Nacht bricht herein. Meine Wahl, meinen alten Schlafsack, mit einer Komforttemperatur von 10 Grad auf die Reise mitzunehmen, stellt sich so langsam als schwierig heraus. Um fünf Uhr wache ich auf und der in der Vergangenheit so warme und kuschlige Schlafsack, kann sein soll nicht mehr erfüllen.

Zusammenrollen und die Hände zwischen die Beine klemmen, vermag nur eine kleine Verbesserung der Situation zu bringen. Das wirkliche Problem ist die frostige Luft, die trockene kalte Luft. Dadurch dass sie über Nacht sehr trocken geworden ist, fühlt sich die Kälte noch viel schlimmer an. 

Beim Fahren bekomme ich, ohne das Abdecken des Mundes, Zahnfrost und jeder Atemzug geht nur schwer. 

Das hört sich jetzt alles so tragisch an, aber damit beginnt für mich gerade ein noch besondereres Abenteuer. 

Außerdem befinde ich mich im Norden, da muss es ja wohl klischeemäßig kalt sein. 

Kurz vor Aufbruch schenkt mir ein Italiener, den ich am vorherigen Abend kennen gelernt habe noch ein Bier, welches ich am Nordkap trinken soll. Er ist selbst dort hin unterwegs, allerdings mit dem Auto.

 

Die Landschaft ist heute mal wieder sehr überraschend schön. Entlang an riesigen Seen, auf denen der Wind unzählige Wellen zeichnet und vorbei an weiten Einöden, mit immer kleiner werdenden Bäumen.

Beim heutigen Einkauf packe ich gleich noch ein paar Teelichter dazu, um mir damit in den nächsten Tagen eine Zeltheizung bauen zu können. 

 

Gegen Abend finde ich eine schönes Plätzchen zwischen den Blaubeeren und koche daraus meine vorerst letzte Marmelade. Was für ein Tag.

 

 

Kampf gegen Mutter Natur

Tagesetappe: Raudanjoki - Sodankylä

Tagesdistanz: 61,6 km

 

Voller Tatendrang stehe ich heute schon um 6 Uhr auf, um mal wieder richtig Strecke machen zu können. Mit neuer Kette, nach rund
3600 km, rollt das Gespann, bei leichtem Niesel, los. Dieser Wetterzustand verschlimmert sich jedoch bereits nach den ersten Metern. Die Wolken schütten sich vollends aus. Kleine Bäche rollen mir entgegen. Tropfen um Tropfen dringt das kalte Nass durch meine äußere Schale. Immer tiefer zieht es in die Kleidung ein. In meinen Schuhen bildet sich währenddessen ein kleiner See, der meine Füße einweichen lässt. Ein frostiger Gegenwind peitscht mir in das verbitterte Gesicht und lässt meine Fingerknöchel zitternd erblassen. Ein kalter Schmerz macht sich in ihnen breit. 

In meinem Kopf spiele ich mit der Herausforderung. Ich sehe es als Willenskraftübung. Immer weiter und weiter die Beine im selben Trott zu drehen und den Schmerz und die Kälte zu ignorieren. 

Zu diesem Zeitpunkt bin ich 40 km von der nächsten Ortschaft mit Supermarkt entfernt. Gestern Abend sind mir die letzten Speisen ausgegangen. Mit leerem Magen habe ich mich auf den Weg gemacht. Zwischen den anderen wehleidigen Empfindungen, macht sich nun auch noch der Hunger breit. Meine Muskeln saugen die letzten Energiereserven aus dem Körper und können ihre wahre Kraft nicht mehr aufbringen. 

Ein Kampf. Jeder Meter ist ein Sieg. 

Drehung für Drehung schiebe ich mich weiter in Richtung Ziel. Von der Landschaft gibt es heute keine Bilder, da ich nichts gesehen habe. Mein Blick beschränkte sich alleine auf die 30 cm vor meinem Rad. Weiter geht nicht, sonst würden mir die eiskalten Tropfen ins Gesicht peitschen. Ein trostloser Ausblick und nicht ganz ungefährlich. Jedes Hindernis hätte ich angefahren. 

Das einzige was zählt, in Bewegung bleiben. Nicht stehen bleiben. Treten, treten, treten. 

Nach 58 km rolle ich mit letzter Energie fast in den Supermarkt rein, reiße mir die nassen Klamotten vom Leib, ersetze sie durch neue und genieße kurze Zeit später mein erstes Frühstück. 

Im Supermarkt bleibe ich ca. eine Stunde, draußen ist es kalt (7 Grad). Nach mehreren Versuchen schleppe ich mich zur nächste Touristeninfo, lasse mir den nächsten Campingplatz vermitteln und beendige damit den heutigen Tag. 

Eine spannende Erfahrung. Ein Kampf, ich habe mich selbst besiegt, Meter für Meter. Heute kam ich körperlich das erste mal richtig an die Grenzen. Hitze ist schlimm, aber durchnässt mit kaltem Wind ist eine ganz andere Hausnummer. Am Supermarkt war dann Schluss. Dort wurde eine Grenze überschritten, die gefährlich hätten werden können. 

 

Jetzt trocknen meine Sachen im Wärmeschrank, damit es morgen wieder mit gleichem Tatendrang weiter gehen kann. 

 

 

Besuch beim Weihnachtsmann

Tagesetappe: Rovaniemi - Raudanjoki

Tagesdistanz: 75.7 km

 

Gestern habe ich mir ja einen Ruhetag genehmigt, um mich für den Norden vorzubereiten. Nach einem kleinen Filmeabend mit Popkorn bei Ali geht es heute, mit kurzem Zwischenstopp bei einem Fahrradladen, um eine neue Kette zu erwerben (sauteuer hier, nehmt lieber von vorne hinein Ersatz mit), auf die ca. letzten 1000 km bis zum Nordkap.

Nach kurzer Zeit finde ich mich witzigerweise im Dorf des Weihnachtsmanns wieder. Voll der Kommerz und damit eigentlich nichts für mich, aber einen kurzen Blick wage ich doch. Da der Weinachtsmann gerade Mittagspause hat, und doppelt und dreifach nicht, weil ein Bild mit ihm 30 € kostet, schenke ich mir den Spaß und erfreue mich daran, kurz darauf mein erstes Rentier zu sehen. 

 

Die Landschaft hat heute wieder einiges zu bieten. Ein paar Seen blitzen am Wegesrand durch die immer kleiner werdenden Bäume und am Himmel türmen sich gewaltige Wolkenschlösser.

 

Mit dem Besuch im Weinachtsmanndorf bin ich nun auch endlich am Polarkreis angekommen. Mal sehen, was der Norden noch so zu bieten hat. 

 

 

Ein weiterer Tag in Rovaniemi

Kurzerhand habe ich mich entschlossen noch einen weiteren Tag zu bleiben. Es gibt einiges zu erledigen, dass ich so richtig bereit für den Norden bin: Wäsche waschen, Blog, Route ein wenig planen...

 

 

 

Geburtstag einmal anders

Tagesetappe: Kemi - Rovaniemi

Tagesdistanz: 126km

 

Es hätte keinen schöneren Beginn für den Tag geben können, als auf meinem Strohbett aufzuwachen. Eine kühle Brise pfeift zwischen den Holzbalken der Scheune hindurch und streichelt sanft mein Gesicht. Ein richtig gemütlicher Start in den Tag. Nach getaner Arbeit, fahre ich los in Richtung Rovaniemi, der Heimat des Weihnachtsmannes. 

Kilometer für Kilometer schleiche ich dahin. Es zieht sich wie Kaugummi. Die Straßen scheinen so endlos. Von Horizont fährt man immer gerade aus weiter in Richtung Horizont. Kilometerlang keine Kurve. 

Nichts anderes als Wald, keine Veränderung. Das schlägt auf die Stimmung. Vor allem, wenn man von zuhause Bilder von einem Geburtstagskuchen geschickt bekommt ;-) . Das ist echt schwer. So ganz alleine dort auf dieser endlosen Straße. Verloren in der Wildnis. Ich bin kein Mensch der einen besondern Wert auf das Zelebrieren des Geburtstages legt, aber irgendwie wird einem durch die Gesellschaft schon eine gewisse Routine an diesem Tag anerzogen. Obwohl in diesem Moment so viele an mich denken, fühle ich mich verlassener als je zu vor. So fern von Zuhause. 

 

Entnervt rolle ich gegen Abend in Rovaniemi ein. Mein erster Eindruck ist durch meine innere Stimmung sehr beeinflusst. Dies sollte sich aber am Abend noch ändern. 

Mein heutiger Host über Coutchsurfing ist Ali. Wahrscheinlich war dies sogar der Auslöser für meine gedrückte Stimmung, da er sehr darauf drang, dass ich Bier mitbringe und ich keine Lust hatte, an meinem Geburtstag bei einem Säufer zu schlafen. Gott sei dank stellte sich dies als Missverständnis heraus und es ergab sich das komplette Gegenteil. Zwei Minuten dort und schnell ging es, in die zum Wohnelement zugehörige Sauna. Besser geht es ja nicht. Die ganze Last des Tages ausschwitzen und einem interessanten Gespräch lauschen. Ali ist ein Flüchtling aus dem Irak, der dort mehrere Situationen erlebt hatte, in denen er nur knapp mit dem Leben davon kam, weshalb er sich vor fünf Jahren entschlossen hat, nach Finnland zu kommen. Eine schwere Zeit für ihn, aber dafür eine enorme Sammlung an Erfahrungen, die er mir zu Teil kommen lässt. Genau nach solchen Menschen suche ich auf meiner Reise. 

Nach langen Gesprächen geht es mit ca. 15 anderen internationalen Studenten aus Indien, Frankreich, England, Deutschland, Österreich, Italien und Spanien in einen Pub. Dort lerne ich noch mehr interessante Menschen kennen. Von dem einen Gespräch in das nächste lebe ich diesen Abend einfach nur noch. 

 

Was für eine Wendung. Und ich dachte, ich werde meinen 19. Geburtstag nach 2 Tagen vergessen. Jetzt weiß ich, er wird mir ein Leben lang bleiben. 

 

 

 

 

Gepäckverstauung und -transport

Tagesetappe: Oulu - Kemi

Tagesdistanz: 125km

 

Aus Oulu, geht es heute entlang der Küste (von der man leider nichts gesehen hat) in Richtung Kemi. Über den Tag verschwindet leider die Sonne immer mehr und ein unerbittlicher Regen setzt ein. Triefend nass und durchgeschwitzt finde ich zum Abend auf einem Feld eine Holzhütte. Zu meiner Überraschung befindet sich in ihr Stroh. Auf einem gemütlichen Strohbett und mit frisch gekochter Himbeer-Johannisbeer Marmelade an der Seite schlafe ich glücklich ein. 

 

Jetzt aber mehr zu meinem Gepäck:                           

 

Der Großteil des Gepäcks ist auf meinem Anhänger untergebracht. Hierbei handelt es sich um einen „BOB YACK“ (ist das gängigste Modell unter Radreisenden). Unfassbar, was das Ding alles abhaben kann. Auf meiner Reise hat dieser schon so unglaublich viele Schlaglöcher, Bordsteine und sogar den ein oder anderen Mountainbike-Trail überlebt. Und das ohne auch nur einen Platten. Also kaputt geht das Teil schon mal nicht so leicht. Ich hoffe das bleibt auch so. 

Die Ladefläche hat nach Hersteller eine Maximalladegewicht von 30 kg. Da das Gesamtgewicht des Reisegepäcks aber nicht über ca. 22 kg kommen sollte, wird diese Grenze nicht einmal angetastet. 

Das Gewicht sollte man versuchen gleichmäßig, mit den schweren Dingen nach unten, aufzuteilen.

Wenn man dies befolgt, läuft der Anhänger ohne großes Holpern und sehr ruhig. Wenn man nicht gerade einen Berg hoch fährt, spürt man nur minimal, dass überhaupt ein Anhänger anhängt. Es rollt einfach. Und vor allem bergab. 

Durch das Einschlagen des Fahrrads, wird das Duo aus Fahrrad und Anhänger zu einer eigenständigen Konstruktion, welche viel stabiler ist als ein Fahrradständer (siehe Foto). 

Der wohl warscheinlich größte Vorteil ist, dass man so gut wie jedes Fahrrad als „Zugmaschine“ nutzen kann. So sind bei Satteltaschen extra Halterungen für einen Gepäckträger vonnöten. Der Anhänger ist über die hintere Achse mit dem Fahrrad verbunden. Durch zwei Klammern wird dieser auch immer sicher in seiner Position gehalten.  

Nun zu den einzigen negativen Sachen. Durch den Anhänger verlängert sich das Gefährt um rund 1,5 Meter, was gerade in Engstellen das Rangieren erschwert und es einem quasi unmöglich macht, ohne fremde Hilfe Bahn zu fahren. Also bleibt einem nur übrig, alles mit dem Rad zurückzulegen. 

 

Auf dem Anhänger befindet sich mein Material in den zwei roten Packtaschen. Diese sind aus einem Angebot in der Stadt gekauft, deswegen würde ich euch einfach Packsäcke von Ortlieb oder gleich die zugehörige BOB YACK-Tasche empfehlen. 

Auf den Boden des Hängers habe ich noch eine zusammengefaltete Plane liegen, die zum einen vor Dreck von unten schützt und zum anderen in der Nacht als Abdeckung meines Rades dient. Kann ich nur empfehlen. Zudem habe ich noch einen Militärponcho dabei, ein Multifunkionsgegenstand. Theoretisch als Regenponcho nutzbar, in meinem Gebrauch aber vorwiegend unter dem Zelt liegend um den Unterboden zu schützen, da die meisten Wildcamping-Plätze nicht so schön flauschiges Gras haben wie ein Campingplatz. Ein Gegenstand, den ich vor etlichen Jahren bei den Pfadfindern kennen gelernt habe, aus dem man noch so einiges mehr bauen kann: ein Notzelt, ein Sonnensegel oder eine Rettungsliege.

Meine Kleidung habe ich noch eimal in einem Packsack von Tatonka (Größe M) untergebracht. Er dient einfach dazu, dass ein wenig Ordnung herrscht und nicht die ganze Kleidung rumfliegt und dreckig wird. 

 

Ansonsten habe ich noch einen Spanngurt, ein kleines Seil und ganz wichtig Packriemen (!!!) für die Befestigung loser Dinge außerhalb der Packsäcke (Zelt, Faltkanister, Einkäufe). Eins zwei kleine Karabiner sind auch von Vorteil, um Dinge schnell los zu bekommen. 

 

Phuuuu es geht noch weiter. In dem Rucksack auf meinem Rücken, habe ich die für mich wichtigen Dinge untergebracht, die ich immer schnell zur Hand haben muss. Zu Beginn hatte ich alles in den Packsäcken, aber damit wurde jeder Einkauf zu einem riesigen Heckmeck. Zudem hat mein Rucksack „BAIXTER 18“ einen Hüftgurt, der das Gewicht von den Schultern abnimmt und auf die Hüften überträgt. Mittlerweile ist der Rucksack ein Gegenstand, der nicht mehr wegzudenken ist. Bei Tagesausflügen in Städten und am Lagerfeuer immer dabei. Mit zwei Fächern ist genügend Platz für weitere wichtige Utensilien. 

Damit der Rücken nicht völlig verschwitzt, wie mit einem normalen Rucksack, ist extra eine Konstruktion aus Glasfiberstäben eingebaut, die die Auflagefläche auf wenige Punkte minimiert. Selbst bei heißen Temperaturen bleibt so der Rücken trocken. 

 

Eine Müllhalde für all den Rest: meine Lenkertasche. 

Neben der Kamera und dem Handy finden sich hier alle möglichen Kleinigkeiten. Hier mal eine kurze Aufzählung:

Schweizertaschenmesser, 2 Stifte, kleiner Notizblock, Kaugummis, Kopie meines Persos, Kopfhörer, ein wenig Geld, Kettenöl und Handschuhe.

 

 

 

 

 

Verloren in Oulu

Da habe ich gedacht, ich komme in eine durchaus größere Stadt, immerhin ist Oulu ja eine der größeren Städte Finnlands, und dann so etwas. Der Kern der Stadt ist ungefähr mit dem von Freiburg vergleichbar. Irritiert fahre ich durch die kleinen Gassen. Es ist ja nicht weiter schlimm, aber ein witziges Gefühl, wenn die Erwartungen ganz woanders liegen. Alles kommt mir ein wenig wie im Miniaturformat vor. Die Architektur ist wie in anderen Städten, nur dass die Gebäude eben viel kleiner ausfallen. Zudem merkt man deutlich, wo in Finnland das Geld hinfließt: nach Helsinki. Viele Gebäude sind baubedürftig und der Putz bröckelt. Auf den zweiten Blick kann mich die Stadt aber dann doch mit den vielen kleinen Grünanlagen überzeugen. 

In einer dieser Parks sitze ich nun und warte, bis mein Host (Arttu, den ich auch übers Couchsurfing gefunden habe) wieder zuhause ist. Er zieht gerade mit ein paar Freunden um die Häuser und mein Handyakku ist leer. Also hoffentlich finde ich den Weg zu ihm zurück und muss dort nicht bis ins Morgengrauen warten. Vielleicht war die kurze Hose heute doch nicht die richtige Wahl, bei mittelwarmem, meist sonnigen aber dennoch windigen Wetter.  

 

Mittlerweile bin ich endlich "zuhause" angekommen. Natürlich konnte ich den 5 km langen Weg nicht mehr aus dem Gedächtnis abrufen. Ins Zentrum kommt man immer, aber einen Punkt außerhalb zu finden, von dem man nicht einmal die Adresse weiß, stellte sich doch als große Herausforderung dar. Mit der Sonne, die immer weiter unterging, und der Umgebung, die dunkler und dunkler wurde, lief ich die dauerhaft gleich aussehenden Wege ab. Auf gut Glück mal nach rechts, mal nach links. Irgendwann fand ich mich inmitten einer Wohnsiedlung wieder. Nur eben nicht in der, wo ich hin musste. Kurzum, ich habe von einem hilfsbereiten Finnen einen Hotspot für meinen Laptop bekommen. Schnell die Adresse gegoogelt, doch kurz darauf ging auch diese Apparatur aus. Wieder ohne Plan, aber mit der Hilfe von zwei weiteren Leuten, kam ich dann nach Hause.

Was für eine Erfahrung in der "modernen" Welt, in der man sich allzu leichtfertig auf sein allwissendes Smartphone / elektronischen Geräte verlässt. Zettel und Karte wären vielleicht besser gewesen, aber immerhin gibt es hier ja viele hilfsbereite Menschen.

 

 

 

 

Alles über mein Fahrrad

Tagesetappe: Vaala - Oulu

Tagesdistanz: 98,7km

 

Heute möchte ich einmal genauer darauf eingehen, mit was für einem Gefährt ich auf Tour bin. 

Mittlerweile sitze ich Oulu im Wohnzimmer von Arttu, einem Host, den ich erneut über Couchsurfing gefunden habe. 

Aber jetzt mehr zu meinem Fahrrad:

Viele alteingesessenen Tourenradler würden bei meinem Fahrrad wahrscheinlich nur den Kopf schütteln. Seit je her gibt es unerbittliche Diskussionen auf diversen Portalen, ob man lieber ein 26 (stabiler, leichter zu ersetzen) oder 28 (minimal schneller) Zoll-Reifen fahren sollte. Ich habe alle Regeln gebrochen und fahre sogar ein 29er. Und ich liebe es. 

Kurz vorweg, bis jetzt hatte ich keinen einzigen Mangel an dem Fahrrad. Es läuft alles reibungslos. Nicht einmal einen Platten, gar nichts. 

Der Carbon-Rahmen „Tranny 29“ von Ibis überzeugt nicht nur mit seinem zeitlosen Design, sondern kann auch einiges an Stabilität ab. Jeden Tag hunderte von Schlaglöchern, Bordsteine, Hindernisse und sogar der ein oder andere kleine Sturz können den Rahmen nicht in die Knie zwingen. Gerade seine hohe Steifigkeit macht es mir deutlich einfacher. 

Die Gabel sollte auf jeden Fall eine Starrgabel sein, da eine Federung zu viel Kraft fressen würde. Das meinige Modell von V-Pace (ebenfalls aus Carbon) verhält sich wie der Rahmen. Sie hält auch einfach super unter der großen Last. 

Vorbau und Lenker, sowie Griffe sind ebenfalls von Ibis. Ich habe an dieser Stelle auf einen speziellen Fahrradlenker-Griff (z.B. Hörnchen) verzichtet. Es geht auch ohne. Wichtig ist nur, dass man nicht, wie bei einem Mountainbike üblich, eine zu sportliche Haltung hat. Deswegen ist der Vorbau sehr kurz gewählt, damit ich schön aufrecht sitze. 

Nun zu den Laufrädern. Hier habe ich von Easton arc30. Wie bereits erwähnt, handelt es sich um 29 Zoll Laufräder. Diese sind zwar etwas schwerer, aber dafür enorm robust und stabil. Das Letzte, was ich gebrauchen kann ist eine 8 im Laufrad. Kann ich nur empfehlen. 

Bleiben wir beim Rad. Bei den Mänteln ist meine Wahl auf die Marathon Plus von Schwalbe gefallen. In diesem Segment, Radreisen, sind diese die gängigste Wahl. Durch einen extra 5mm dicke Schutzschicht im Reifen gelangen keine spitzen Gegenstände an den Schlauch. Das Werbevideo von denen sieht ein wenig aus wie in einer schlechten Teleshopping-Sendung, aber es entspricht einfach nur der Wahrheit. 

Bremse und Antrieb sind beide von Shimano. Bei den Bremsen hat man die Qual der Wahl ob Felgen- oder Scheibenbremse. Auf die Vor- und Nachteile möchte ich hier aber nicht weiter eingehen. Ich denke, man sollte einfach nehmen, was einem besser passt. Meine Scheibenbremse BL-M615 funktioniert jedenfalls auch bei der großen Last super. 

Ein großes Dankeschön an dieser Stelle nochmal an die Jungs von Tri-Cycles. Das alles so gut klappt, ist deren Verdienst. Einen Tag vor Beginn meiner Reise haben sie das ganze Rad zusammengeschraubt. Das heißt, ich hatte nicht mal einen Tag es Probe zu fahren. Ich denke, das spricht schon für sich. So viel Erfahrung und Leidenschaft, wie sie in die Fahrräder stecken, erstellen sie bei jeder Montage ein einzigartiges Unikat. Schaut auf jeden Fall mal auf deren Seite vorbei, und lasst euch verzaubern. 

Der gesamte Antrieb ist mit dem Shimanosystem SLX bestückt. Nun könnte man denken, wieso nicht die bessere XT-Schaltung? Meiner Meinung nach aber nur ein Verschleißteil, welches viel mehr kostet und das bisschen mehr Gewicht macht den Brei auch nicht fett. 

Bei der Übersetzung hat Tri-Cycles etwas ganz besonderes für mich ausgewählt. Eine 1:11 Übersetzung. Das heißt nur ein Kettenblatt mit 30 Zähnen (nicht besonders groß). Das Ritzelpaket ist dafür sehr breitgefächert. Von einem 11er geht es hoch bis zu einem 46er Ritzel. Die optimale Wahl. Diese Kombination kann ich jedem nur empfehlen. Mit dem großen Ritzel kommt man jeden Berg hoch und das kleine lässt einen bis 35km/h treten (was völlig ausreichend ist). Vorher bin ich noch nie eine Einfachübersetzung gefahren, aber ich find es einfach nur genial.

An der Kurbel habe ich Kombipedale angebracht, damit ich sowohl mit Klicks und auch ohne fahren kann. 

 

Beim Sattel sollte auf jeden Fall nicht gespart werden. Wenn da was offen ist, kann man lange aussetzen. Deswegen habe ich mir einen Brooks-Sattel gekauft. Dieser Leder überspannte Sattel scheint zwar hart und mit seinem Vintage-Look nicht sehr tourentauglich, doch das Gegenteil ist der Fall. Ich lehne mich sogar aus dem Fenster und behaupte, dass dies die besten Tourensättel sind. Es gibt diverse Varianten, mit Federung und Co.. Meine Wahl ist auf einen einfachen Aged Sattel gefallen (aus Versehen habe ich die Damenvariante gekauft, unterscheidet sich in Maßen geringfügig, wegen geschlechtsspezifischer Anordnung der Gesäßknochen, passt aber auch). Hier gebe ich meine absolute Kaufempfehlung, so einen muss man haben.

 

Zum Schluss noch kurz ein Paar Infos über meine Anbauteile am Fahrrad. Über die Steckachse (man benötigt eine extra Steckachse für den Anhänger) befestigt, rollt der vollgepackt Anhänger „BOB YACK“ geschmeidig über den Asphalt (mehr dazu in ein paar Tagen). 

Damit mein Gesäß auch bei Regen trocken bleibt, habe ich ein Ansteckschutzblech von SKS. Vorne habe ich wiederum darauf verzichtet, was sich als gute Entscheidung herausgestellt hat. Es wäre einfach unnötiger Ballast. 

Natürlich darf es, wenn es dunkler wird, nicht an einem Licht fehlen, deswegen habe ich eine akkubetriebene Rückleuchte an meiner Sattelstütze. 

Damit mich andere auch hören, prangt an meinem Lenker eine Titanklingel. Die Dinger sind teuer aber genial, wie eine Klangschale mit lauterem und helleren Ton. Danke Elisabeth für dieses Geschenk. 

Zu guter Letzt sind an meinem Rahmen zwei Trinkflaschenhalter angeschraubt. Diese würde ich auch gegenüber einem Trinksystem mehr empfehlen. 

Mein Schloss ist ein Faltschloss von Abus. Da wollte ich keine Kompromisse eingehen und habe deshalb das sicherste gekauft. Einziger Nachteil, es wiegt ordentlich.  

  

 

 

 

Heute mal gemütlich

Tagesetappe: Vuolijoki - Vaala

Tagesdistanz: 43km

 

 

Nachtrag von gestern: Die Nacht ging noch sehr lange. Bis das Feuer endlich richtig brannte, war es schon fast Mitternacht. Ein spartanisches aber leckeres Resteessen, Couscous mit Sauerkirschmarmelade und zum Nachtisch Bratwurst auf einem Stock über dem Feuer gegrillt, füllten mir zu später Stunde noch den Magen. 

Im Anschluss startete ich ein kleines Experiment. Mit den gesammelten Blaubeeren wollte ich Marmelade machen. Zerstampfen, mit Gelierzucker vermengen, aufkochen lassen und noch ein wenig Zitrone dazu und fertig ist die selbstgemachte Speise. 

Wie sich heute beim Frühstück herausstellte, durchaus kein missglücktes Unterfangen. Ein wenig zu viel Zucker, aber den kann ich gebrauchen. 

Die heutige Strecke ist sehr kurz ausgefallen, da ich noch bis zwölf Uhr den Blog instand gesetzt habe. Bei einer Portion Eis (1kg) lies ich den Mittag am Sandstrand ein wenig ausklingen bzw. arbeitete weiter. 

Die Seen hier sind echt eiskalt. Einmal reinspringen und nach Sekunden bin ich wieder draußen. Nicht einmal die Sonne kann dem entgegenwirken. 

Schlafen tue ich heute unter dem Dach einer Strandhütte, die direkt an der Badestelle liegt, damit aber auch direkt an der Stadt. Hoffentlich sieht mich keiner. 

 

 

In den kommenden Tagen werden sich die Blogs unter anderem über das Material und meine Erfahrungen mit diesem drehen. Dazu werde ich den Themenblock in kleine Häppchen zerteilen. Den Anfang macht das Fahrrad und dessen Zubehör. Danach könnt ihr euch auf Berichte über das Outdoorequipment, die Schlafsachen, meine Kleidung, die Elektronik und Sonstiges freuen.  

Mein Internet-Problem habe ich jetzt, zumindest vorübergehend, gelöst

Tagesetappe: Laukka - Vuolijoki 

Tagesdistanz: 116,5km

 

Mein Highlight des Tages: Auf die Empfehlung eines anderen Radreisenden habe ich mir heute eine finnische Prepaid-Karte für’s Handy gekauft. Es ist einfach unglaublich. Selbst an den entlegensten Orten habe ich jetzt super schnelles Internet. Und das beste an dere Sache, ich kann dem Laptop einen Hotspot geben. Das heißt, dass jetzt jeden Tag pünktlich gegen Abend meine neuen Blogberichte online kommen werden. 

In den letzten Tagen habe ich mir noch ein wenig Gedanken über den Inhalt gemacht. Themen wie Berichte über das Material, ein Länderresume zu jedem Land und vieles mehr erwarten Euch. 

 

In der Sonne, aber bei dennoch sehr frostigen Temperaturen, fahre ich, mich richtig freuend, dass mal wieder etwas funktioniert, dem Sonnenuntergang entgegen. Bei einem kurzen Stopp sammle ich ein paar Blaubeeren für ein Vorhaben am Abend. 

Als sich eine Finne aus seinem Auto heraus kurz über das Projekt informieren will, entsteht daraus ein Gespräch, welches über eine Stunde andauert. 

Zusammengefasst: Ilkka ist ebenfalls 18 Jahre alt, geht aber noch zur Schule, die 50km entfernt liegt. Was für eine Entfernung, unglaublich. Mit dem Schulbus würde er je Fahrt über zwei Stunden brauchen, da dieser jedes noch so kleine Dörfchen abfährt. Da er aber ein handwerklich sehr begabter Mensch ist, hat er bereits zwei Autos, die die Vorbesitzer zum Verschrotten abgeben wollten, da eine Reparatur sich nicht rentiert hätte, wieder instand gesetzt. Zu seinen Hobbys zählen unter anderem auch Jagen und Fischen. Spannend, was er davon alles erzählt hat. Aber seine größte Leidenschaft ist das Schrauben. Ein Moped von 45 km/h auf über 100 km/h zu tunen oder ein Elektro-Dreirad-Fahrzeug für Senioren auf 80 km/h zu verbessern (siehe Video), das erläutert er mir mit solch einer Leidenschaft, sind sein Ding. Zudem wohnt er mit seiner Freundin in einem eigenen Haus, welches er saniert hat. Ist das nicht eine lobenswerte Kindheit? So habe ich es mir immer in meinen Träumen vorgestellt. An Motoren rumschrauben und Grenzen austesten. Vielleicht ist dieses aber auch das Privileg des Landes, da die nächste Polizeistation 50 km entfernt ist. Da kann man dann schon mal unbemerkt machen, was man will. Unser spannendes Gespräch endet, als seine Freundin ein wenig erzürnt mit dem Auto heranfährt. Seit über einer Stunde wartet das fertige Essen, das seine Freundin zubereitet hat, auf Ilkka. 

 

Kurz drauf finde ich einen schönen Platz am See. Mit einem Feuer an meiner Seite, koche ich mir noch ein wenig Blaubeermarmelade. Aber mehr dazu morgen. 

 

 

Alles hat ein Ende, auch das schöne Wetter

Tagesetappe: Istunmäki - Laukka

Tagesdistanz: 106km

 

Die letzten Regentropfen fallen vom Himmel, als mir der Schlaf aus den Augen entschwindet. Im Schlafsack ist es viel zu gemütlich, dass ich einige Zeit benötige, bis ich mich aufrappeln kann. Dicke Wolkenschwaden hängen über dem See. Die Natur hat sich über Nacht verändert. Der Wetterwechsel hat ihr eine neue Facette auferlegt. Nasskalt, grau und trist scheinen mir die Wälder. Über den ganzen Tag will sich daran nichts ändern. Von einem Regenschauer fahre ich in den nächsten. Meine Motivation leidet unter diesem ständigen Wetterumbruch. Regenklamotten an und nach fünf Minuten erneut halten, um sie wieder auszuziehen. Verhext. 

Am Abend schleppe ich mich mit letzter Kraft in ein Dorf, von dem ich mir erhofft hatte, dass es mir eine Badestelle zu bieten hat, da es an einem großen See liegt. Dem ist leider nicht so. Notgedrungen fahre ich weiter. In der letzten Hoffnung etwas zum Waschen zu finden folge ich einem braunen Schild (hierzulande für Sehenswürdigkeiten), auf dem etwas für mich Unentzifferbares steht. 

Plötzlich stehe ich inmitten eines Friedhofs. Was für ein Platz zum Wild-Zelten! Mit getrenntem Männer- und Frauen-Klo und zwei Steckdosen überzeugt mich der Ort schließlich und so kommt es, dass ich mein Zelt zwischen den Gräbern aufbaue. Ein wenig makaber, aber ich bin wirklich fertig, und meine Elektronischen Geräte noch viel mehr. Für sie gibt es hier genügend Saft um die nächsten Tage zu überstehen (Steckdose). 

 

Bei einer improvisierten warmen Dusche lasse ich den Abend gemütlich ausklingen.

 

Und wer sich fragt, warum ich auf dem einen Bild so blöd ein Handtuch über dem Kopf hängen habe, dem sei gesagt, die Mücken kommen langsam aus ihren finnischen Löchern gekrochen und terrorisieren mich.  

 

 

Der Betrunkene, mit der Sehnsucht nach einer Postkarte

Tagesetappe: Muurame - Istunmäki

Tagesdistanz: 126,6km

 

Eigentlich habe ich gedacht, dass die Tage nun langsam aber sicher ereignisloser werden. Schließlich gibt es hier nichts anderes als Birkenwälder, Seen und Holzhütten zu betrachten. Ja gut, zwischendurch gesellt sich hin und wieder auch einmal eine Kuhweide dazu, aber sonst bleibt alles dasselbe.


Doch der heutige Tag wollte mich eines Besseren belehren. 
Die Menschen machen den Unterschied. So kam es heute zu folgender prekären Situation:

Während meines mittäglichen Schmauses, der sehr primitiv ausfiel (Kartoffelsalat auf dem Brot), geschah es, dass ein Einheimischer in weiten Bögen auf mich zu marschierte. Mit dem ersten Japser aus seinem Mund wehte mir eine widerwärtige Fahne entgegen. 

Diese Konversation konnte nichts werden. Auf finnisch versuchte er mir irgendwelche Informationen zu übermitteln. Ohne Erfolg. Ich wollte einfach nur noch weiter. 

Nachdem er, nach geraumer Zeit, schließlich auch bemerkt hatte, dass ich so gar nichts verstehe, änderte er seine Strategie und holte Dritte herbei, die für ihn dolmetschen sollten. 

Die sehr hilfsbereiten, dolmetschenden Finnen, wollen mir schließlich bei der Routenauswahl weiterhelfen und empfehlen mir den Weg, den ich ohnehin beabsichtigt hatte, zu fahren. 

Doch dann kam der eigentliche Höhepunkt. Der Betrunkene, der etwas in den Hintergrund geraten war, drückt mir plötzlich, mit Tränen in den Augen, 3 Euro in die Hand und erbittet dafür einen Brief, wenn ich am Nordkap angelangt bin. Mal sehen, ob er sich in einem Monat über den Brief noch genauso freuen wird. 

Erfreut über diese Kleinigkeit, geht es ein großes Stück glücklicher weiter. 

 

Der Kilometerzähler schlägt um. Drei nullen sind zu sehen, angeführt von einer drei. Die 3000 km - Marke ist nach einem Monat und zwei Tagen geknackt. Eine Zeit voller Erfahrungen, unvergesslichen Erlebnissen und einer Menge neuer Leute, die ich neu kennengelernt habe. 

 

Eines dieser Erlebnisse ist der heutige Abend. Erneut finde ich eine Stelle am See, mit Badestelle. Nur, dass der heutige Schlafplatz weitaus mehr Luxus zu bieten hat. Eine kleine offene Holzhütte mit Feuerstelle ermöglicht, dass ich mein Zelt nicht aufbauen muss. Ein wenig weiter des Weges steht eine weitere Hütte, mit gespaltenem Feuerholz. Welcher Engel hat mir das beschert! Diese Finnen, so hilfsbereit und freundlich.

 

 

Endlich wieder Internet

Tagesetappe: Sysmä - Muurame

Tagesdistanz: 115,7 km

 

Unfassbar, wie schön unsere Natur sein kann. Entlang von unendlich langen Seen geht es weiter ins Landesinnere. Und ich dachte nach Estland, es kann nicht mehr schöner werden. Aber hier ist es einfach nur noch Natur. Moosbewachsene Steinbrocken, die sich im Schatten der Birken zur Ruhe gelegt haben. Efeu, struppiges Gras und Wildblumen schmücken den Wegesrand. Alles so wie von Mutter Natur gewollt. Und natürlich spielt das Wetter auch noch mit. 

Nach 110 km habe ich heute nun endlich, nach zwei Tagen verbitterter Suche, brauchbares WLAN gefunden. Endlich kann ich einen weiteren Teil des groß angewachsenen Berges an Arbeit von Neuem bewältigen. Deswegen heute auch nur ein kurzer Beitrag. 

 

 

Einen Monat auf dem Rad

Tagesetappe: Helsinki - Sysmä

Tagesdistanz: 105,9km

 

Hügel hoch und Hügel runter geht es heute weiter in Richtung Seen-Platte. Eine schöne Abwechslung zu der bisher flachen Landschaft. 

Durch dichte Wälder und vorbei an blühenden Wildwiesen, fruchtbaren Feldern und rot-weiß gestrichenen Holzhütten schwinden die Kilometer nur so vor sich hin.  

Bei einer Pause dauert es nicht lange, bis mich die ersten Einheimischen ansprechen. Das ein oder andere nette Gespräch kommt zu stande und aus einer kurz angedachten Pause wird eine lange. Mein eigentliches Ziel, neue Blogbeiträge hochzuladen, erreiche ich nicht, da es in den zwei Kleinstädten, in denen ich es heute versucht hatte, nur "Holz"-Wlan gab (richtig langsam).
Die Menschen hier in Finnland sind generell sehr hilfsbereit. Ich stehe nur kurz mit der Karte, um mich zu orientieren, da hält auch schon ein Radfahrer und berät mich bei der Routenwahl. 

Von Stunde zu Stunde wird schließlich auch noch der Ausblick schöner, bis ich mich am Rande eines riesigen Sees wiederfinde (laut Karte ca. 100 km lang). Ein Bild wie aus dem Fernsehen. Es ist einfach perfekt. Das Tänzeln der Sonne in den vom Wind erzeugten Wellen und das Kreischen von Möwen, die über den Baumwipfeln dahinjagen. 

Jedenfalls finde ich ein wenig später, ein Stückchen weiter, genau an diesem See einen Platz zum Zelten. Ein göttlicher Abend. So gehe ich im Sonnenuntergang schwimmen bis ich mich mal wieder richtig sauber fühle und lasse mir den Abend noch richtig gut mit einem Couscous-Salat schmecken.

 

Vor genau einem Monat bin ich nun in das Abenteuer gestartet.
Ich kann nur sagen, mein Erwartungen sind in vieler Hinsicht weit übertroffen worden. Nie hätte ich gedacht, dass jeder Tag aufs Neue eine wahre Bereicherung ist. Es macht mich glücklich, dass ich diesen Weg gewählt habe, den Weg der Freiheit. 

 

  

 

 

Jam im Park

Tagesetappe: Helsinki - Hämeenlinna

Tagesdistanz: 89,7 km

 

Nach ein paar weiteren Besorgungen in Helsinki rief die Straße erneut nach mir. Weiter Richtung Norden trieb es mich aus der lieb gewonnen Stadt heraus. Bei schönstem Sonnenschein, ging es leider nur entlang einer Schnellstraße, aber so ist es nun einmal in der Nähe von großen Städten. Unmittelbar gegen Ende meiner heutigen Fahrt vernahm ich einen instrumentellen Klang. Weiter vorne auf einer Wiese, hatten Thadeo und Kimo einen entspannten Jam veranstaltet. Für eine Pause gesellte ich mich zu den beiden. Thadeo (Posaune) ist ein brasilianischer Straßenmusiker, der im Campingwagen wohnt und Kimo ein Finne, der zuhause kein Schlagzeug spielen darf. Zwei witzige Menschen, die mir den Tag versüßt haben. 

 

Nach dem "süßen Jam-Dessert" gab es zum Abendessen: Eintopf mit Würstchen. 

 

 

Ein Tag in Helsinki

 

 

Diese Nacht habe ich meine ersten Erfahrungen mit Couchsurfing gemacht. Couchsurfing funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Man kann kostenfrei bei anderen Mitgliedern des Portals übernachten und bietet dafür das eigene Heim als Schlafplatz an.

Auf diese Weise lernte ich Matthias und Linda (meine Hosts) kennen. Durch Matthias vielfältige Tipps war mein kurzer Helsinkiaufenthalt sehr lohnenswert und überaus angenehm. Am Abend gab es total leckeres Essen, spannende Gespräche, einen schönen Spaziergang und schließlich ein superbequemes Couchplätzchen zum Schlafen. Solch eine Gastfreundschaft! Ich lebe zwischen Extremen.

 

 

 

 

 

Eine Reise zurück ins Mittelalter

Tagesetappe: Pedase - Helsinki

Tagesdistanz: 93,2 km

 

Tallinn als meine nächste Hauptstadt und die Fährüberfahrt ins schöne Helsinki, das stand heute auf der Agenda. Weiter entlang an der Küste Estlands, vorbei an hohen Klippen, rollte ich schließlich in die Jahrhunderte alte Stadt ein. Alte Ruinen, Stadtmauern, Brauhäuser und alles was das mittelalterliche Herz begehrt. Die Touristenführer in altertümlichen Gewändern gekleidet und Stände auf hölzernen Pferdewagen. Die Stadt versucht einiges um den Besucher die alte Zeiten näher zu bringen. 

Mich löcherte jedoch der Gedanke, ob dies gut gespielte Schauspiel nicht viel mehr von der Realität ein wenig ablenken soll. Sobald man einwenig außerhalb der Stadt war, an Stellen, wo ein normaler Tourist nichts zu suchen hat, sah die Sache ganz anders aus. Verlassene, leerstehende Fabriken und verwahrloste Häuser. Gerne hätte ich das wahre Gesicht der Stadt kennen gelernt, aber die Fähre rief. 

 

Dort lernte ich Samuel kennen. Ein Belgier, der einfach von Indonesien bis nach Belgien radelt. Seine Reise geht bereits dem Ende zu, so konnte er mir einige Bilder zeigen. Wenn ich nochmals eine Fahrradreise mache, dann steht somit mein nächstes Ziel fest. Die Eindrücke die er mit mir geteilt hat, waren einfach fesselnd.  

 

 

 

 

Dusche im Regen

Tagesetappe: Soru - Pedase

Tagesdistanz: 147,7 km

 

Am heutigen Tage ging es mit der Fähre wieder aufs Festland. Während der Überfahrt lernte ich ein deutsches Paar kennen, welches ebenfalls mit dem Fahrrad nach Tallinn wollte. So kam es, dass ich mich das erste Mal auf der Tour an andere Radfahrer für zumindest ca. 20 km anhängte. Definitiv etwas, was ich gerne wiederholen will. Mit anderen Erfahrungen zu teilen und gemeinsam einen Regenschauer überstehen, das sind Dinge, die die Reise noch einmal auf eine neue Art beleben. Zwischenzeitlich wuchs unsere Gruppe sogar auf fünf Fahrer. Als die anderen ihr Tagespensum bereits fast erreicht hatten, machte ich mich wieder alleine auf den Weg, da auf mich noch eine lange Strecke wartete. Stunden später, in der Hoffnung endlich nach langer Zeit eine Dusche zu finden, traf ich auf eine Jugendherberge, in der das Personal gerade bei meiner Ankunft im Aufbruch war, da ein paar Ruhetage anstanden. Das hieß keine Dusche für mich, aber dafür ein riesiges Areal zum Campen für mich alleine. Da es nun auch noch zu regnen anfing, war mein Lagerplatz, unter einer Freiluftbühne, schnell festgelegt (siehe Bilder). Nach einem wunderschönen Sonnenuntergang, irgendwie habe ich echt Glück, gab es noch leckeres Essen. Das erste Mal so richtiges Gemüse.  Meine Kochkünste bauen sich langsam aber sicher auf.  

 

 

 

Ein Moment für die Ewigkeit

Tagesetappe: Kulli - Soru

Tagesdistanz: 107 km

 

Spontanität, das Zauberwort. Aus dem Magen heraus bestimmen, wie es weiter geht und das erst unmittelbar vor der Abzweigung. So ging es mir heute. Kurzerhand ging es ohne Frühstück los. Einfach der Nase nach, bzw. der Baltischen See Cycle Route, rollte ich immer weiter in Richtung Westen. Als ich schließlich nach langer Suche Internet bei der Fährstation in Virtsu fand, traf ich eine geniale Entscheidung. Schnell aufgesprungen, bevor die Fähre abgelegt hatte, ging es also spontan auf eine Insel, von der ich vorher nicht einmal wirklich gewusst hatte, dass sie existiert. Auf der Insel lernte ich nach einem Platzregen kurzerhand ein deutsches Paar kennen, welches mich zum Tee und meinem ersten Frühstück einlud. Nach vielen Tipps der beiden, rief das Abenteuer Insel. Durch märchenhafte Birkenwälder, entlang der Küste, führte mich der Weg von der Insel Muhu zu deren Nachbarn Saaremaa. Der Gegenwind trieb mir sachte die salzige Brise des Meers, gepaart mit den Düften der Baumharze, in die Nase. Die Wolken spielten währenddessen am Himmel verrückt. 

 

Auf der nächsten Fähre begann der Himmel in einem fantastischen Orange, rosa zu leuchten. Ein knalliger Sonnenuntergang, eine Genugtuung und eine Bestätigung, warum ich dieses Projekt mache.

Heute hatte einfach jeder Moment einen großen Stellenwert. Alles war darauf ausgerichtet, dass es im Jetzt passiert. Ich habe viel übers Reisen gelernt und bin endlich auf meiner Reise angekommen.

 

 

 

Blaubeerpfannkuchen

Tagesetappe: Kabli - Kulli

Tagesdistanz: 123 km

 

Besser könnte der Tag nicht starten. Ich öffne mein Zelt und vor mir erstreckt sich das unendliche, blaue Meer. Ein paar Möwen kreisen krächzend über der Gischt und verkünden, dass ein neuer Tag begonnen hat. 

Die ersten Paar Stunden fahre ich im Regen, bis der Himmel nach und nach aufklart und ein heftiger Gegenwind einsetzt. Mit einer tobenden Gewalt zwingt er mich nieder und zieht jedes Fünkchen Energie aus meinen Muskeln. Doch am Wegesrand scheint die Rettung. Der Waldboden der Wälder links und rechts ist nur so von Blaubeersträuchern übersät. Plötzlich kommt mir der Gedanke, zum Abendessen Blaubeerpfannkuchen mit Blaubeerkompott zu machen. Dieser Wunsch begleitet mich über weitere Stunden, weiter des Weges, bis es endlich an der Zeit ist, das Lager aufzubauen. 

Alles geht ratz fatz. Mit einem Stock zerdrücke ich die Beeren, und lasse sie mit ein wenig Wasser aufkochen. 

 

Ein wenig Teig in die Pfanne und fertig sind die ersten „Pfannkuchen“. Sieht furchtbar aus, war aber echt lecker. Nur die Portion war viiiiiiieeel zu groß, da hätte jemand Zweites locker von satt werden können. 

 

 

Von einer Pause in die nächste

Tagesetappe: Saulkrasty - Kabli

Tagesdistanz: 89,5 km

 

 

So lob ich mir die Reise. Nachdem ich schön ausgeschlafen und noch einmal erfragt habe, ob der Brief mittlerweile in Riga angekommen sei, führte mein weiterer Weg auf den Spuren der Baltikum Route, einem Radweg für Fernradfahrer wie ich später erfuhr. 

Nach wenigen Kilometern konnte man bereits das Meer durch das Geäst der Bäume am Straßenrand sehen. Ein unendliches Blau, mit sachten kleinen Wellen, die am Strand in einem tosenden Rauschen brechen.

Was für ein Gefühl. Mit einem Mal wurde mir schlagartig bewusst, wie weit ich von zuhause entfernt bin. 2143 Kilometer zwischen mir und Wiesbaden. 

Entlang der Autobahn (A1) ging es also in Richtung Norden. Parallel der Straße die Küste, die mal näher, mal ferner ist. Nach einer ersten Pause am Strand, bei der ich mich bereits mit zwei Deutschen und ein paar Jugendlichen unterhalten hatte, folgt nach 200 m der nächste Stopp. Am Wegesrand standen zwei Fahrräder mit Globetrotter-Packtaschen, das konnten nur Deutsche sein. Diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen. Seit dem Beginn meiner Reise hatte ich noch mit keinem anderen Radreisenden gesprochen, ja sogar überhaupt keinen anderen gesehen. So lernte ich Frank und Cori kennen, die von Tallinn runterfahren. Kurze Zeit später gesellt sich auch noch ein Kanadier zu uns, der sogar bis nach Neuseeland fahren will. Die Gespräche erwiesen sich als sehr wertvoll. Ich habe viele Tipps erhalten, so z.B. meinen heutigen Schlafplatz. 

Zudem ist es ungemein motivierend, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Doch das war noch nicht alles. Gegen Abend traf ich erneut einen Deutschen, der ebenfalls das Baltikum erradelt.